


















Käthe Kollwitz
"Kindergruppe - Geschwister"
Bronze ; um 1938
19 x 28,2 cm
Höhe: 19 cm, Breite: 8,5 cm, Tiefe: 6 cm
Signiert „K. Kollwitz“ auf der rechten Seite des Sockels
Gießerstempel: H. Noack, Berlin, auf der Rückseite des Sockels
Literatur: Gerhard Strauss, „Käthe Kollwitz“, Dresden 1950, mit ganzseitiger Abb. S. 160
Käthe Kollwitz’ Graphik mit ihren ausdrucksstarken, kraftvollen Schilderungen des menschlichen Daseins ist berühmt. Weniger bekannt sind ihre Skulpturen - ungefähr fünfundzwanzig Arbeiten -, die mit der gleichen Kraft gestaltet und von derselben Thematik und Komposition sind wie ihr graphisches Werk. Künstlerisch ist Kollwitz mit dem Armenviertel im Norden Berlins verwachsen. Ihre Kunst zeichnet sich durch einen hohen ethischen Gehalt aus. Sie ist erfüllt von einem tiefen sozialen Mitleid mit den Armen und Unterdrückten der Menschheit. Als das letzte Ziel ihrer Kunst hat sie selbst in Tagebuchblättern und Briefen immer wieder die Besserung der gesellschaftlichen Verhältnisse bezeichnet. Nach frühzeitiger Aufgabe der Malerei widmet sie sich ganz der Graphik, zunächst der Radierung und Lithographie und seit circa 1920 haupt-sächlich dem Holzschnitt. Der Tod ihres Sohnes Peter im 1. Weltkrieg führt Kä-the Kollwitz zur Plastik. Sie plant ein Soldatendenkmal, das sie von 1914 bis zu seiner Vollendung 1932 beschäftigt.
Neben diesem, ihrem plastischen Hauptwerk gehen in den zwanziger und drei-ßiger Jahren einige weitere Bildhauerwerke einher, darunter der „Turm der Mütter“ von 1937, die „Pietà“ von 1938 und unsere Gruppe der „Geschwister“ aus demselben Zeitraum. Gegen Ende ihres Lebens schafft Käthe Kollwitz vor allem kleinere Skulpturen. Dies ist einerseits als eine Folge der verminderten Kräfte der inzwischen über Siebzigjährigen zu begreifen, andererseits sind ihre Einnahmen, verursacht durch die Verfolgung der Nationalsozialisten, sehr ge-ring. 1933 wird sie verfemt und aus ihrem Lehramt als Leiterin des Meisterate-liers für Graphik an der Preußischen Akademie der Künste entfernt. Zusammen mit Heinrich Mann tritt sie aus der Akademie aus. 1936 folgt dann ein inoffi-zielles Ausstellungsverbot. Angesichts des drohenden Krieges formuliert sie nochmals Skulpturen mit monumentalem, kämpferischem und dabei verinner-lichtem Pathos, wie zum Beispiel im „Turm der Mütter“.
Kinder spielen in der Kunst von Käthe Kollwitz eine bedeutende Rolle. Aus fast allen Perioden ihrer Schaffenszeit existieren Darstellungen von kleinen Kindern, meist gemeinsam mit ihren Müttern. Dabei schildert die Künstlerin keineswegs nur Not und Armut, sondern auch die glücklicheren Momente im Leben der Menschen. In unserer Skulptur „Geschwister“ stehen drei Kinder eng aneinan-dergeschmiegt. Das Älteste trägt das Jüngste auf dem Arm, daneben steht das Dritte, alle dicht beisammen. Sie blicken
den Betrachter mit ihren ernsten Gesichtern frontal an. Auf einen Sockel erho-ben, stehen sie beinahe stelenartig, quasi als Monument für Kindheit. Sie sind von großer Präsenz durch den intensiven Ausdruck der kleinen Gesichter. Ihre Körper fügen sich fast zu einem Block zusammen, der nur durch die Gewand-falten und das Schuhwerk etwas aufgelockert wird und seine formale Fortset-zung im Sockel findet.
Das Muttersein zählt für Käthe Kollwitz zu den wichtigsten Grunderfahrungen ihres Lebens. Die Bedeutung des Familienlebens betont sie in einer Bemerkung gegenüber ihrem Sohn Hans: „Es sind mir drei Dinge wichtig in meinem Leben: dass ich Kinder gehabt habe, dass ich einen solch treuen Lebenskamerad ge-habt habe und meine Arbeit.“1) Die Kinder stehen bei Käthe Kollwitz an erster Stelle. Sie strotzen im Werk der Künstlerin aber nicht vor Vitalität, sie spielen fast nie, anders als zum Beispiel bei Max Liebermann. Es wird vielmehr die Sehnsucht der sozialkritischen Künstlerin deutlich, Leid abzuwenden und diese einzigartige Schöpfung, das Leben des Kindes, zu bewahren.
Anm.: 1) Käthe Kollwitz, „Briefe der Freundschaft“, München 1966, S. 137.