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August Macke
"Kinder mit Schaukelpferd"
Kohlezeichnung ; 1913
32,2 x 26,7 cm
Von Elisabeth Erdmann-Macke, der Witwe des Künstlers, „1913“ datiert und „Kinder mit Schaukelpferd“ betitelt
Rückseitig mit dem Nachlaßstempel versehen
Provenienz: Privatsammlung Süddeutschland
Werkverzeichnis der Zeichnungen von Ursula Heiderich, Stuttgart 1993, Nr. 1835, Abb. S. 519

August Macke widmet sich nicht nur der Malerei, sondern er ist auch ein un-ermüdlicher und eifriger Zeichner. Innerhalb kaum eines Jahrzehntes, jener kurzen Zeitspanne, die ihm aufgrund seines frühen Todes im Jahre 1914 für sein künstlerisches Œuvre vergönnt war, füllt er rund 6000 Seiten in seinen Skizzenbüchern sowie weitere 3000 einzelne Blätter. Dabei entstehen zeit-gleich neben rasch dahin geworfenen Skizzen auch durchkomponierte und aus-formulierte Arbeiten, die alle gleichermaßen den flüchtigen Wahrnehmungen und kurzlebigen Momenten des Lebens Dauerhaftigkeit verleihen. Mit dem Zei-chenstift in der Hand entdeckt und erarbeitet Macke seine Bildvorstellungen und begründet damit den motivischen und formalen Ausgangspunkt für die malerische Umsetzung. Um 1913 gewinnt die Zeichnung bei Macke jedoch zu-nehmend an Eigenständigkeit und behauptet sich fortan neben der Malerei als ein wichtiges, bildhaftes Aus-drucksmittel.
In dieser Zeit entsteht auch die Kohlezeichnung „Kinder mit Schaukelpferd“. Im Herbst 1913 tauscht Macke die Hektik des Bonner Stadtlebens gegen die Beschaulichkeit am Thuner See in der Schweiz ein. Gemeinsam mit seiner Fa-milie zieht er in das malerisch gelegenen Haus Rosengarten in Hilterfingen. Neben Landschaftsdarstellungen und städtischen Szenerien mit Figuren-gruppen rückt auch die Thematik der Familien- und Kinderdarstellungen ver-stärkt in das Blickfeld des Künstlers. Die Geburt seines Sohnes Wolfgang im Jahr 1913 - der erste Sohn Walter war bereits 1910 geboren worden - bringt für August Macke erneut Vaterfreunden und damit zahlreiche glückliche Mo-mente des Familienlebens. Unverkennbar findet das persönliche Erleben Ein-gang in die Bildmotivik der graphischen und malerischen Arbeiten Mackes.1)
In unserer großformatigen Kohlezeichnung öffnet sich der Blick auf zwei im gemeinsamen Spiel versunkene Kinder. Eine mit flotten Strichen ausgeführte und auf das Wesentliche konzentrierte Arbeit aus einem der zahlreichen Skiz-zenbücher diente hierfür als Vorlage.
Es ist anzunehmen, dass es sich in dieser Darstellung um den inzwischen drei-jährigen Sohn Walter gemeinsam mit einem befreundeten, gleichaltrigen Nachbarsmädchen handelt. Vom Betrachter abgewandt stehen die Kinder als Rückenfigur bzw. in der Profilansicht nebeneinander vor einem hölzernen Schaukelpferd, welches sich wiederholt in Skizzen und Zeichnungen des Künst-lers finden lässt. Macke fängt in dieser Zeichnung allerdings nicht das umher-tollende Spielen lärmender Kinder ein, sondern er gibt, von inniger Anteilnah-me erfüllt, das kindlich freudige Staunen beim Betrachten des Spielzeugpferd-chens wieder. Zögerlich verweilt das Kinderpaar vor dem hölzernen Schimmel. Sie haben sich bisher noch nicht auf seinen Rücken geschwungen, doch längst steht das Pferd, gesattelt für einen imaginären Ausritt durch den Garten, auf einer von Bäumen und Sträuchern gesäumten Terrasse bereit. Der Eindruck eines heiteren und Licht durchfluteten Platzes wird auch durch einen ausge-prägten Hell-Dunkel-Kontrast vermittelt. Den schraffierten Flächen, die zwi-schen hellen Grautönen und dem tiefen Schwarz der Kohle changieren, steht einrucksvoll das Weiß des Papiers gegenüber. Einzelne Linienzüge, einerseits zart gesetzt und dann wieder mit kräftiger Hand geführt, geben den Formen zusätzlich Kontur. Räumliche Tiefenwirkung erzeugt Macke durch die Staffelung der sparsam ausgewählten Bildelemente. Im Vordergrund leitet ein nur als an-geschnittene Dreiecksfläche gezeichneter Tisch, der durch ein darauf abgestell-tes Körbchen als solcher charakterisiert ist, zum Bildmittelgrund mit den bei-den im Spiel vertieften Kindern über. Die Bäume der seitlichen Begrenzung und des Hintergrundes umfangen die anmutige Szene schließlich wie ein schützen-des Dach: Ein idyllischer, abgeschiedener Platz für das kindliche, phantasievol-le Spiel.
Dieses „Durchfreuen der Natur, der Sonnenglut und der Bäume, Sträucher, Menschen, Tiere, Blumen und Töpfe, Tische…“2), wie Macke 1910 seine künst-lerische Intention und Arbeitsweise selbst umschrieben hat, kommt in dieser Arbeit eindrücklich und gleichsam greifbar zum Ausdruck.

Anm.: 1) Vgl. Ursula Heiderich, „August Macke – Zeichnungen - Werkver-zeichnis“, hrsg. vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe, Stuttgart 1993, S. 9ff.
2) August Macke in einem Brief an Hans Thuar am 7. März 1910, zitiert in: Gustav Vriesen, „August Macke“, 2. erweiterte Aufl., Stuttgart 1957, S. 48.