


















Max Liebermann
"Kleiner Lockenkopf"
Pastell ; um 1918
12,5 x 19,5 cm
Signiert.
Rückseitig eine Zeichnung der Enkelin mit ihrer Kinderfrau bei ersten Gehversuchen,
eine Vorzeichnung für das thematisch gleiche Gemälde von 1919, s. Werkverzeichnis Eberle Nr. 1919/26
Provenienz: Privatsammlung Süddeutschland
Expertise: Drs. Margreet E. Nouwen, Berlin
Aufgenommen in das in Vorbereitung befindliche Werkverzeichnis der Pastelle Max Liebermanns von Drs. Margreet E. Nouwen
1909 kann Max Liebermann eines der letzten Seegrundstücke am Großen Wannsee in Berlin erwerben und lässt sich darauf ein Landhaus mit Atelier er-richten. Die Sommerresidenz wird Liebermanns ländliches Refugium, in das sich der vielbeschäftigte Maler gerne zurückzieht.
Neben Gartenbildern entstehen während der Sommeraufenthalte eine Vielzahl von Skizzen, Pastellen und Gemälden, die das private Leben der Familie Lie-bermann am Wannsee veranschaulichen. Der kleine Kreis, bestehend aus Max Liebermann, seiner Ehefrau Martha und der Tochter Käthe, wird 1917 durch die Geburt der Enkeltochter Maria erweitert. In einer ganzen Serie von Bildern beobachtet Liebermann die Entwicklung seiner Enkeltochter und hält die Natür-lichkeit und das unbefangene, in sich selbst versunkene Spielen fest.
Bei unserem Pastell handelt es sich um eine spontane und farbfrische kleine Studie, auf der Liebermann seine Enkelin in unmittelbarer Nähe darstellt. Sie sitzt dem Betrachter zugewandt, scheint aber etwas Interessanteres als den Künstler zu erspähen und lässt ihren Blick nach rechts aus dem Bild schweifen. Die kleine Maria trägt ein helles Kleid, welches mit blauen Bändern gebunden ist und den Oberkörper andeutet. Ihr Kopf ist in kupferfarbenen Pastell aus-gemalt, dessen Löckchen ihr Gesicht umspielen. Mit grünen Pastelltönen setzt Liebermann zeichnerische Akzente und deutet den Garten im Hintergrund an, welchen die Enkelin pausbäckig und mit wachen Augen erkundet. Ihren rech-ten Arm hat sie ausgestreckt und scheint mit Ihrer Hand etwas greifen zu wol-len. Liebermann gibt in dieser Pastellzeichnung im Fluge Erhaschtes und Aufge-fasstes mit wenigen Strichen wieder. Die weichtonigen Flächen und die milde, leichte Farbigkeit geben dem Blatt eine schwebende Grazie.
Die Momentaufnahme Marias kann als Vorstudie für das „Bildnis der Enkelin im Kinderstuhl mit Apfel und Ball“ und „Die Enkelin im Kinderwagen nach rechts“ (Eberle 1918/22 und 1918/23) gelten.1)
Liebermann ist als Zeichner von ungewöhnlicher Schaffenskraft: er hat nicht nur ein sehr umfangreiches, sondern auch ein sehr vielfältiges Werk auf die-sem Gebiet hinterlassen. Er benutzt den Bleistift, die Feder, die schwarze und die weiße Kreide, die Kohle; selten greift er zum Aquarellpinsel oder zur Gou-achefarbe, häufiger zum Pastellstift. „Als Pastellist hat Liebermann vor allem das Zarte und Feine, das Elegante und Graziöse seiner Natur ausgebildet, weil die Technik der Darstellung des gefällig Weichen weit entgegenkommt.“2)
Das Motiv des Kindes begleitet Liebermann über sein ganzes künstlerisches Schaffen hinweg. Schon bei seinen frühen Hollandaufenthalten stellt er Bau-ernkinder und Waisenmädchen dar. Später folgen die badenden Jungen, die er beim sommerlichen Vergnügen im Meer festhält. Allerdings „die schönsten Kin-derbilder, die Liebermann gemalt hat, sind die, deren Modell die Tochter des Künstlers gewesen ist und die späten Kinderbilder, auf denen seine Enkelin dargestellt ist.“3)
Anm.: 1) Aktueller Forschungsstand des Werkverzeichnisses der Pastelle von Drs. Margreet E. Nouwen
2) Karl Scheffler, „Max Liebermann“, München 1922, S. 195.
3) Ebenda, S. 114.