


















Paula Modersohn-Becker
"Drei Kinder an einem Hang sitzend mit Hund und Pferd"
Tempera auf Malkarton/Holz ; 1901
40,6 x 52,5 cm
Eigenhändig "1901" datiert.
Provenienz: Privatsammlung Holland.
Expertise: Wolfgang Werner, Paula Modersohn-Becker Stiftung, Bremen
Ausstellungen: Kiel, Kunsthau, Paula Modersohn-Becker, Gemälde, Eröffnungsausstellung; Hamburg, Paula Modersohn-Becker, 30 Gemälde.
Aufgenommen in den Nachtrag zum Werkverzeichnis der Gemälde von Paula Modersohn-Becker, hrsg. von Günther Busch und Wolfgang Werner.
„Habe heute mein erstes Pleinairporträt in der Lehmkuhle gemalt. Ein kleines, blondes, blauäugiges Dingelchen. Es stand zu schön auf dem gelben Sand. Es war ein Leuchten und Flimmern. Mir hüpfte das Herz. Menschen malen geht doch schöner als eine Landschaft“1), mit diesen Worten beschreibt Modersohn-Becker ihre Begeisterung und künstlerische Entwicklung während ihres ersten Aufenthaltes in Worpswede im Jahre 1897. Im Herbst des folgenden Jahres lässt sich die junge Künstlerin endgültig in dem Moordorf, 20 Kilometer vor den Toren der Stadt Bremen gelegen, nieder. Ein Drittel der bis zu ihrem frühen Tod im Jahre 1907 in Worpswede und unter dem Eindruck wiederholter Paris-aufenthalte entstandenen, mehr als 700 Gemälde kreist in vielgestaltiger Wei-se um das Sujet des Kindes.
Ihre kleinen, unbedarften Modelle findet Modersohn-Becker nur ein paar Schritte von ihrem Wohnhaus entfernt, welches sie seit 1901, nach der Heirat mit dem verwitweten Otto Modersohn, an der Dorfstraße bewohnt. In den ver-lassenen Waisenkindern des Armenhauses und den ärmlichen Nachbarskindern der hart arbeitenden Bauern und Torfstecher entdeckt sie den schlichten, un-verblümten Ursprung des menschlichen Daseins im unaufhaltsamen Kreislauf des Werden und Vergehens. Eine Verklärung bzw. Stilisierung der bäuerlichen Armut und der dörflichen Kinderschicksale liegt ihr dabei jedoch ebenso fern wie die Kritik an sozialen Missständen. Vielmehr gibt sie durch einen nach in-nen gerichteten Blick tiefe menschliche Empfindungen wieder und bringt damit den Wesenskern der Kinder in dem sie umgebenden Lebensraum eindrücklich zum Vorschein.
Oftmals bettet die junge Künstlerin ihre Figurenkomposition in die freie Natur ein. Die typische Worpsweder Landschaft mit den Torfmoorkanälen, Birkenwäl-dern, den Sandkuhlen und Blumenwiesen ist tragender Bestandteil der Kinder-bildnisse, untrennbar sind die kleinen schicksalsergebenen Kreaturen mit die-sem Landstrich verbunden. Auch unser Gemälde „Drei Kinder an einem Hang sitzend mit Hund und Pferd“ zeigt eine Kindersituation in dieser charakteristi-schen Landschaft. Vor einem kräftigen, Himmel und Erde verbindenden Birken-stamm sind drei in inniger Verbundenheit beieinander sitzende Kinder darge-stellt. Sie hocken auf einem abfallenden Wiesenstück am Rande des Teufels-moores und sind nah an den Betrachter herangerückt. Ein bunt gefleckter Mischlingshund hat sich zu ihnen gesellt. Im Hintergrund durchquert ein Reiter die ländliche Szenerie und schließt den kompositorischen Kreis: Mensch, Tier und Pflanze sind in ihrem Miteinander wiedergegeben und zu einer Einheit zu-sammengefasst.
Paula Modersohn-Becker geht es dabei nicht um eine an der Oberfläche ver-harrenden Wiedergabe des Sichtbaren. Sie will vielmehr die kindliche Seele er-gründen, das Denken und Fühlen der Jungen und Mädchen nachempfinden. Bis ins Innerste einfühlsam durchdrungen und in einer expressiven, abstrahierten Formensprache charakterisiert sie diese als eigenständige Persönlichkeiten. Die Körpersprache wird hierbei zum entscheidenden Ausdrucksträger. Mit schüt-zender Geste schließt das Mädchen den auf ihrem Schoß kauernden jüngeren Bruder in eine Umarmung ein. Und auch das andere Mädchen hat die Hände ineinander geschoben. Die freundschaftliche Verbundenheit der schutzbedürfti-gen Kinder erhält durch diese kreisenden, sich rundenden Bewegungen eine formale Umsetzung. Sie sind als Symbol für die Sehnsucht nach Geborgenheit und Fürsorge sowohl der von Modersohn-Becker im Bild eingefangenen kindli-chen Wesen als auch seitens der Künstlerin selbst zu begreifen.2)
Die schlichte, dem Schicksal ergebene Existenz der Kinder findet ihre Entspre-chung in der weit nach oben gesetzten Horizontlinie. Nur ein schmales blaues Band deutet den Himmel an, so dass das Augenmerk auf das Wiesenstück mit der zentralen Kinderdarstellung gerichtet wird. Die Farbwahl unterstreicht zu-dem die Erdverbundenheit der Worpsweder Kinder: warme Braun-, Rot- und Rosatönen sowie ein verhaltenes Grün bestimmen das gedämpfte Kolorit. Da-bei wurde zum Teil der Bildträger, ein rotbrauner Malkarton, in die Farbkompo-sition einbezogen.
„Du sahst die Kinder so von innen her, getrieben in die Formen ihres Da-seins“3), so kennzeichnet der Zeitzeuge Rainer Maria Rilke die einfühlsame Sicht von Paula Modersohn-Becker auf die Welt der Kinder und setzt der tragi-scherweise im Wochenbett verstorbenen Künstlerin ein literarisches Denkmal.
Anm.: 1) Zitiert in: Günter Busch/Liselotte von Reinken (Hg.), „Paula Moder-sohn-Becker – In Briefen und Tagebüchern“, 3. Aufl., Frankfurt am Main 1979, S. 104.
2) Vgl. Christa Murken, „Paula Modersohn-Becker – Kinderbildnisse“, Ostfil-dern-Ruit 2004, S. 6ff.
3) Rainer Maria Rilke, „Requiem an eine Freundin“, Leipzig 1909.