


















Erich Heckel
"Schlafendes Mädchen"
Kohlezeichnung ; 1913
50,5 x 33,3 cm
Signiert und „13“ datiert
Rückseitig ein Blumenaquarell
Erich Heckel gehört zusammen mit Ernst-Ludwig Kirchner, Karl Schmidt-Rottluff und Fritz Bleyl zu den Gründungsmitgliedern der Künstlergemeinschaft „Brücke“. Zunächst in Dresden ansässig, zieht Heckel 1911 nach Berlin. Seine Künstlerkollegen tun es ihm gleich. Mit der Übersiedelung der „Brücke“-Mitglieder in die Hauptstadt prägen sich die persönlichen Eigenarten ihrer Kunst stärker aus. Während sich beispielsweise Kirchner von der treibenden Bewegung der Großstadt angezogen fühlt, beschäftigt sich Heckel mit Themen, die nicht der Vergänglichkeit des Augenblicks unterworfen sind. Er sucht viel-mehr im Anblick der Welt und ihrer Erscheinungen das allem zugrundeliegende Gesetz. Der Blick richtet sich auf die Vielfalt der Landschaften wie auf das Tun und Treiben der Menschen in ihren Sehnsüchten, Freuden und Schmerzen. In vielen Titeln seiner Blätter schwingt starke menschliche Anteilnahme mit: Sin-nende, Müde, Kranke. Heckels Bilder sind von einer zunehmenden Psychologi-sierung, Vergeistigung und Problematisierung des Menschenbildes geprägt. Ab 1911/12 beginnt eine recht umfangreiche Reihe der müden, schlafenden und kranken Frauen, die für die Berliner Jahre bis zum Beginn des 1. Weltkrieges bezeichnend ist. Über seinen Figuren liegt nun eine große Melancholie und Trauer. Gleichzeitig beginnt der Trennungsprozess der Gruppe, der schließlich 1913 zur Auflösung der Künstlergemeinschaft „Brücke“ führt.
Dies ist das Entstehungsjahr unseres Blattes „Schlafendes Mädchen“. Ein Mäd-chen liegt auf der Seite im Bett. Der Betrachter sieht es von oben im Profil. Ih-re Arme ruhen auf der Bettdecke, von welcher der restliche Körper verborgen wird. Mit seinen kurzen, schwarzen Haaren und dem dunklen Schlafanzug bil-det das Mädchen einen Kontrast zu den Flächen der weißen Kissen, auf die sie gebettet ist, wodurch gleichzeitig eine gewisse Dynamik der Komposition er-zeugt wird. Das Blatt ist von großer Intimität, nicht allein durch das Sujet, sondern auch durch die Aufsicht und die Nähe des Betrachters zum Mädchen.
Die Berliner Jahre 1912-1914 zählen zu den besonders fruchtbaren, glückli-chen und interessanten in Heckels künstlerischer Laufbahn. Es ist die Zeit, in der sich sein individueller Stil entfaltet und zu einem Reichtum zeichnerischer Möglichkeiten führt wie bei keinem anderen „Brücke“-Künstler: Zacken, Ecken, einspringende Winkel oft in Verbindung mit flachen Kurven bestimmen die Syntax. Der Charakter der Zeichnung ist in der Sensibilität der Umrisslinien bewahrt. Im Menschenbildnis geht Heckel ganz von der psychischen Zuständ-lichkeit aus. Der sensible, variantenreiche Linienzug erspürt das innere Porträt. Heckel geht ganz auf die Natur der Dargestellten ein und verbindet dies mit großer psychologischer Eindringlichkeit. Den Bildniszeichnungen ist Stille und Verhaltenheit eigen. Der Ausdruck verliert das Episodische und zielt auf End-gültigkeit. Die Arbeiten sind formal großzügiger, monumentaler komponiert. Der Blick richtet sich auf ein Ganzes und verdrängt den Ausschnitt. Eine Viel-zahl stilistischer Ausdrucksweisen liegt Heckels Arbeiten dieser Zeit zugrunde, die ihn in diesen drei Vorkriegsjahren in den obersten Rang deutscher Zeichen-kunst erheben.1) Seine persönliche Handschrift bildet Heckel über Jahre in der spontanen Arbeitsweise aus, durch die alle regellosen Daten der Innenwelt hervorgeholt werden. Die endgültige Formschöpfung verbleibt damit im Unbe-wussten oder wie Heckel sagt: „Das letzte aber ist Geheimnis.“2)
Anm.: 1) Zdenek Felix (Hg.), „Erich Heckel, 1883-1970. Gemälde, Aquarelle, Zeichnung und Grafik“, München, 1983, S. 51
2) Lotte Paepcke, „Gespräche mit Erich Heckel“ [1949ff.], in: „Die Maler der ,Brücke‘. Cuno Amiet, Fritz Bleyl, Erich Heckel, Ernst Ludwig Kirchner, Emil Nolde, Max Pechnstein, Karl Schmidt-Rottluff, Otto Mueller“, Sammlung Her-mann Gerlinger, Best.-Kat. Schleswig-Holsteinisches Landesmuseum Schloß Gottorf, Schleswig 1995, S. 77