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Alexej von Jawlensky (1864 - 1941)

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August Macke
"Stillleben: Rote Blumen in blauer Vase"
Öl auf leinenstrukturiertem Malkarton, auf Bristolkarton aufgezogen ; 1935
18,8 x 12,5 cm
Signiert mit dem Monogramm und „35“ datiert
Rückseitig nochmals signiert, datiert und „A. Jawlensky 1935. VIII. N 10“ bezeichnet
Provenienz: Privatsammlung Norddeutschland
Werkverzeichnis Jawlensky/Pieroni, Band III, Nr. 1743, mit Abb. S. 155


Alexej von Jawlenskys Hinwendung zur Kunst hat 1880 ein ganz konkret auslösendes Moment. Auf der Weltausstellung in Moskau nimmt der Sechzehnjährige erstmalig ein Gemälde ganz bewusst wahr. In seinen später verfassten Lebenserinnerungen beschreibt er diesen Augenblick folgendermaßen: „Meine Seele bekam eine so große Erschütterung, aus Saulus war ein Paulus geworden. Das war der Wendepunkt in meinem Leben. Seitdem war die Kunst mein Ideal, das Heiligste, nach dem sich meine Seele, mein ganzes Ich sehnte.“1) Hat er zuvor nur mit mäßigem Interesse am Zeichenunterricht teilgenommen, stürzt er sich jetzt umso mehr in künstlerische Studien. Nach dem Schulabschluss absolviert er zunächst die Militärakademie in Moskau. Jedoch eröffnet sich ihm nach der Versetzung nach St. Petersburg die Möglichkeit, gleichzeitig auch die Kunstakademie zu besuchen. Kaum hat er seine Ausbildung beendet, zieht es ihn in die Ferne. In München findet er Eintritt in den Kreis um Kandinsky, mit dem er 1909 die „Neue Künstlervereinigung München“ gründet. Nach einem kriegsbedingten, mehrjährigen Exil in der Schweiz kehrt er 1921 nach Deutschland zurück und lässt sich in Wiesbaden nieder, jene Stadt, die bis zu seinem Lebensende die selbsterwählte, neue Heimat bleibt.

Mitte der dreißiger Jahre malt Jawlensky neben den „Meditatio-nen“ auch eine Reihe von Blumenstillleben. Nachdem er sich zwei Jahrzehnte fast ausschließlich dem Menschenbild gewidmet hat, findet er 1935 zurück zum Naturmotiv. Dabei hindert ihn jedoch seit 1929 eine Arthritiserkrankung, die schließlich bis zur vollständigen Lähmung seiner Hände führt, immer mehr an der Ausübung seiner künstlerischen Tätigkeit und zwingt ihn zu einer „inneren Emigration“ in seiner Wohnung. Dennoch drängt es Jawlensky in seinem Zimmer weiterhin zum künstlerischen Schaffen. Von seinem Bett aus kann der kranke Maler auf ein Fenster blicken.2) War es zwanzig Jahre zuvor der Ausblick aus dem Fenster, nach draußen auf die Landschaft, der Jawlensky in seinen „Variationen“ zum Schaffen inspirierte, sind es nun die Blumen auf dem Fensterbett davor, die er wiederholt zum Sujet seiner Gemälde erwählt.

In leuchtenden Farben fängt Jawlensky in unserem Gemälde „Stillleben: Rote Blumen in blauer Vase“ ein heiteres Blumenarrangement ein. Ein zur Seite gezogener blauer Vorhang gibt den Blick auf das Fenster frei. Eine Hälfte des Fensters ist bereits vom Sonnenlicht erhellt und in ein warmes Orange getaucht, die andere Hälfte zeigt ein leuchtendes Himmelblau. Der orangefarbene bzw. hellblaue Hintergrund strahlt Zuversicht aus und ist als Symbol der Hoffnung auf Genesung des von Arthritis geplagten Künstlers zu sehen. Auf dem Fensterbrett steht eine längliche, blaue Vase mit einem Strauß roter Amaryllis, daneben ein kleiner runder Krug mit gelben Wiesenblumen. Die Farbwahl ist am Naturvorbild orientiert, jedoch durch intensive Kontraste zu großer Leuchtkraft gesteigert. Jawlensky reduziert und abstrahiert die Bildgegenstände auf wenige Grundformen, die er mit einem unterbrochenen Pinselstrich konturiert. Vertikale, aufstrebende Formen bestimmen die Komposition, die durch einzelne gerundete Formen Halt bekommt. Der Eindruck des Emporstrebens wird durch das hochrechteckige Format des Bildträgers zusätzlich unterstützt.

Die Beschäftigung mit dem Stillleben, dabei insbesondere mit Blumenmotiven Mitte der dreißiger Jahre stellt einerseits einen Lichtblick auf dem gesundheitlichen Leidensweg des Künstlers dar, zum anderen resultiert die Auseinandersetzung mit dieser Bildgattung auch aus wirtschaftlicher Notwendigkeit. 1933 wird Jawlensky mit einem Ausstellungsverbot in Deutschland belegt, seine Werke werden aus öffentlichen Sammlungen entfernt. Mehrere seiner Arbeiten werden 1937 auf der Ausstellung „Entartete Kunst“ gezeigt. Die materiellen Belastungen erweisen sich für den Künstler vor diesem Hintergrund als immer unerträglicher. Sein Alterswerk, die spirituellen, vergeistigten Meditationen finden bei den Zeitgenossen nur wenig Anklang, ganz im Gegensatz zu seinen Blumenbildern.3) „Als ich etwas Erleichterung in meinen Händen fühlte, malte ich gleich größere Bilder, nur Stillleben, meist Blumen. Sie sind sehr schön in Farben und haben großen Erfolg bei den Menschen.“4)

Anm.:
1) Alexej Jawlensky, „Lebenserinnerung“, in: Clemens Weiler, „Alexej Jawlensky, Köpfe, Gesichte, Meditationen“, Hanau 1970, S. 98f.
2) Armin Zweite (Hg.), „Alexej Jawlensky 1864 – 1941“, Ausst.-Kat., Städtische Galerie im Lenbachhaus, München 1983, S. 332.
3) Ebenda, S. 332.
4) Jawlensky, „Lebenserinnerung“, a.a.O., S. 120.



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