Emil Nolde
"Roter Mohn"
Aquarell auf Japan ; um 1950
17,5 x 14 cm
Signiert
Expertise: Dr. Manfred Reuther, Stiftung Ada und Emil Nolde,?Seebüll
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„Nachdem ich in der frühen St. Galler Zeit eifrig mit Aquarellen hantiert hatte, war dieses wieder bis um die Jahre 1908 unterblieben. Dann aber erfolgte in der in Deutschland fast ganz vergessenen Technik mein Vorstoß, und das Malen mit Aquarellfarben ist seitdem mir ein Bedürfnis geblieben. […] Von der intimen, aber etwas kleinlich titelnden Art meiner frühesten Aquarelle arbeitete ich in unendlichen Mühen mich durch zu der freieren, breiteren und flüssigeren Darstellung, die ein besonderes, gründliches Verstehen und Eingehen auf die Struktur und die Art der Papiere und die Möglichkeiten der Farben erfordert“1), beschreibt Nolde in seinen Lebenserinnerungen seine Auseinandersetzung mit dem Aquarell. Im Jahre 1910 verwendet Nolde dabei erstmals das saugfähige Japanpapier, auf das er, neben weiteren Papieren, fortan wiederholt zurückgreift. Die spezifischen Eigenarten des Japanpapiers kommen Noldes Drang nach Unmittelbarkeit des Ausdrucks und Spontaneität in der künstlerischen Darstellung entgegen. Denn beim Auftrag der Farben auf dem angefeuchteten Papier ergeben sich nicht vorhersehbare Veränderungen, die ineinander fließenden Farben bilden changierende Farbzentren mit sowohl weichen als auch scharf konturierten Rändern. Sie durchtränken förmlich das Papier, scheinen wechselseitig durch und nehmen somit auch von der Rückseite des Blattes Besitz ein. „Farbe ist Kraft. Kraft ist Leben. Nur starke Harmonien sind gewichtig. Früh schon beschäftigten mich die Farben sehr. [..] Vor der Natur waren meist die vollen, satten Farbklänge meine Freude“2), führt Nolde die Farbe als das bestimmende Ausdrucksmittel in seiner Kunst an. Zu leuchtenden, kräftigen Farben greift der Künstler auch in dem kleinen Aquarell „Roter Mohn“ aus dem Spätwerk seines Schaffens. In einem intensiven Komplementärkontrast zwischen Rot und Grün rückt Nolde die elementare Kraft der Flora in den Blickpunkt. Doch nicht als Blütenteppich, der weitläufig das Feld überzieht, werden die Mohnpflanzen in ungezählter Zahl auf das Papier gebracht, sondern die einzelne, wachsende und gedeihende Blume fokussiert Nolde und erwählt sie zum Bildmotiv. Nahsichtig und frontal sind zwei emporstrebende Blütenköpfe in das Format gerückt. Sie strahlen, trotz der Zartheit der Blütenblätter, in ihrem kräftigen Feuerrot eine enorme Präsenz und Energie aus und finden zugleich in den leichten, schwebenden Grün- und Blautönen der Blütenstängel, Blätter und des umgebenden Himmels ihren beruhigenden Gegenpart. Mit warmen, akzentuierend gesetzten Gelbtönen schließt sich der kompositorische Farbreigen zu einem melodischen Dreiklang und damit zu einer sinnlich erfahrbaren Harmonie im Kreislauf der Natur.
Anm.: 1) Emil Nolde, „Mein Leben“, 8. Aufl., Köln 1990, S. 334.
2) Ebenda S. 333.
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