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Lyonel Feininger (1871 - 1956)

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Lyonel Feininger
"Geheimnisvolle Inseln" Aquarell, Bleistift und Tinte ; 1933
23 x 30,5 cm
Signiert, betitelt und „6.8.33“ datiert
Provenienz: Nachlass des Künstlers

Bis 1932 bleibt Lyonel Feininger auf Drängen von Walter Gropius “Meister” am Bauhaus in Dessau. Im März 1933 verlässt Feininger Dessau, um nach Berlin überzusiedeln. Den Sommer verbringt er zusammen mit seiner Frau Julia und seinen Söhnen, wie all die Jahre zuvor, in Deep, im damaligen Ostpommern. Dieser kleine, an der Mündung der Rega gelegene Ort mit seinen einsamen Stränden und seinen sturmzerzausten Dünenwäldern gefällt dem Künstler gut. Die Familie unternimmt lange Spaziergänge am Meer und beobachtet die diversen Schiffe, die dort vor Anker liegen. Hier erfährt Feiningers Jugendliebe für Schiffe eine Wiederbelebung. Angetan haben es ihm Schiffe aller Art: kleine Kutter, Dampfer, Segeljachten etc. Mit sicherem Strich zeichnet der Künstler, was er sieht und notiert sich auf seinen Skizzenblättern die Farben des Gesehenen. Doch in Deep entstehen nicht nur Skizzen, wie sich sein Sohn T. Lux erinnert: „Die Sommermonate waren kein Müßiggang für meinen Vater. Der Tag war wenig wert, an dem er nicht wenigstens einige Stunden an seinem Zeichentisch in der Laube saß, mit Kohle und Feder komponierend und gestaltend.“1)

Unser Aquarell zeigt ein großes Schiff mit zwei beflaggten Fahnenmasten und mehreren Segeln, welches diagonal in schneller Fahrt auf die am Horizont liegenden weißen Inseln zusteuert. Ein ausgezeichneter Tag für einen Segeltörn, denn die Sonne scheint und das Meer ist glatt. Das Aquarell fängt in seinen Farben die warme Stimmung der Augusthitze ein. Die See leuchtet in einem satten Gelb. Mit dunkeln Strichen deutet Feininger die sanfte Sommerbrise an, die das Boot antreibt. Typisch für Feiningers Aquarelltechnik ist es, dass er die Aquarellfarben nicht alleine verwendet, sondern mit der Tuschfeder ein kompositorisches Gerüst entwickelt, über das er die Farbe legt. Das Schiff wirkt isoliert in seinem Umfeld und befindet sich in einem schwebenden Zustand, welcher oft in Feiningers Bildern zu finden ist. Greifbar nahe scheint das Schiff, aber durch die Transparenz der Aquarellfarben entrückt. Betont wird dies auch durch die Flächigkeit des Bildes, welches nahezu keine Tiefe hat. Nach der Meinung des Künstlers segelt das Schiff am besten, wenn es als Motiv von allem anekdotischen Beiwerk befreit ist. Die verschiedenen kleinen Segel bieten einen Ausgangspunkt für Feiningers geometrische Abstrahierungen und kubistische Zersplitterungen, die sich in den Formen der Inseln wiederholen.

In Lyonel Feiningers Œuvre nehmen die Meer- und Küstenland-schaften, insbesondere in der Aquarellmalerei, eine zentrale Position ein. In seinen Marinebildern geht es Feininger nicht um die wirklichkeitsgetreue Darstellung eines Schifftyps, sondern um die Einbeziehung des Schiffes in die Weite des Meeres, als einen weiteren Ausdruck für die Unendlichkeit der Natur.

Schon als kleiner Junge begeistert sich Feininger für die Marinewelt: „Die Gestade von Manhattan waren ein wundervolles Schauspiel, Riesenschiffe, Wälder von Masten und Quer-masten - [...] die hoch über die fantastischen Bugfiguren hinausragten – über die ganze West Street, [...] standen sie über Hunderte von Metern entlang dem Gestade. Auch der Hudson und der East River waren voll von Schiffen, Schonern und Raddampfern [...].“2)

In unserem Marinebild vermittelt Feininger die Sehnsucht nach der Endlosigkeit. Die sich von der Küste entfernende, dahinsegelnde Jacht steuert auf die „geheimnisvollen Inseln“ zu, in jenes weit entfernte Land an der Grenze der Wirklichkeit, welches der Künstler greifen zu können glaubt und das doch so weit weg ist, dass kein Boot es erreicht. Wie ein Jugendfreund Feiningers bestätigt: „[...] wird er diese Traumwelt nie verlieren, ebenso wenig seine jugendliche Unschuld. Aus dieser eigenen, geheimen Welt schöpft er die Kraft und seine Bilder.“3)



Anm.:
1) Zitiert in: Ulrich Luckhardt/Martin Faas (Hg.), „Lyonel Feininger – die Zeichnungen und Aquarelle“, Ausst.-Kat., Hamburger Kunsthalle, Köln 1998, S. 108.

2) Lyonel Feininger in einem Brief an Theodore Spicer-Simson, New York, 18.09.1937, zitiert in: Hans Hess, „Feininger“, Stuttgart 1959, S. 3.

3) Nach Mitteilung von Francis H. Kortheuer an Hans Hess, 3. März 1958, zitiert ebenda, S. 4.


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