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Marino Marini
(1901- 1980)
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Marino Marini
"Cavallo con due Acrobati"
Gouache ; 1953
61,9 x 42,8 cm
Signiert und datiert
Provenienz: Sammlung Moltzahn, Oslo ; Sammlung Georg Floersheim, Basel, Schweiz
Ausstellung: Oslo, Kunstforening Fransk og Italiensk Nutidskunst, 1955, Nr. 25
Registriert in der Fondazione Marino Marini, Pistoia
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Nur auf wenige Themen konzentriert sich der Bildhauer, Maler und Graphiker Marino Marini. Zu diesen gehört die Reiterfigur, die er in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts entwickelt. Anfangs steht sie noch in der italienischen Tradition statischer Monumentalität. Aber nicht der Gedanke an die Darstellung von Macht, Heroischem und Pathos leitet Marini. Ihn interessieren vor allem plastische Werte und innere Energien, potentielle Bewegungen und Ausdruck menschlicher Haltungen und Emotionen. Hierbei dient ihm das mit dem Reiter verwachsene Pferd zur Erweiterung des menschlichen Körper- und Daseinsgefühls; denn durch die Körperachsen der beiden Protagonisten hat er mehr Möglichkeiten, unterschiedliche Raumausdehnungen anzuzeigen. Eine starke Sinnlichkeit ist in den frühen Reiterfiguren zu spüren, von deren statuarischer Auffassung eine eher ruhige Stimmung ausgeht. Dann beginnen Raumspannungen die Kompositionen zu erfassen, die die Figuren immer weniger kompensieren können. Neben den Reitern treten nun auch Jongleure und Artisten auf. Mit diesen Balancierenden, die allen Richtungen nachgeben und entgegenkommen und somit die Gleichzeitigkeit möglicher Bewegungen ausloten, kann der Künstler noch einmal eine, wenn auch labile Statik erreichen. Unter dem Eindruck der Kriegsschrecken wird um 1947 Marinis Figurenauffassung dramatischer und dynamischer. Das führt dazu, dass die statischen, in sich ruhenden Formen immer mehr verfallen. Angesichts der neuen Erfahrung des freien, übermächtigen Raumes wandeln sich die vormals ungestümen und herausfordernden Reiter zu ohnmächtig Stürzenden. Stigmata gleich tragen sie Spuren der Auseinandersetzung mit dem „unfassbaren“ Gegenüber. Einem Abstraktionsprozess unterworfen, werden ihre Körperformen wesentlich härter und geometrisierend einfacher; gleichzeitig lösen sich diese zunehmend auf. Gefühle der existentiellen Bedrohung, der Halt- und Hilflosigkeit drücken nun die Gestalten aus.
Von diesen sind auch die zwei Artisten auf unserem Blatt erfasst. Frontal sind sie uns zugewandt. So auch das Pferd. Sein nach hinten gereckter Kopf und der leicht angewinkelte rechte Vorderlauf deuten ein Zurückscheuen an, was der Grund für das Herabgleiten der beiden Reiter ist. Trotz dieser Gebärde und der dynamischen Binnenzeichnung wirkt das Tier wie eine „feststehende“ Konstante innerhalb des Bildgefüges. Darüber hinaus verleiht ihm das warme Gelb-Orange, das stark zum leuchtenden Blau des Bildgrundes kontrastiert, Präsenz und etwas Erdiges. Dagegen erscheinen die schwarzen langgestreckten Gestalten der Akrobaten schemenhaft – einige ihrer Gliedmaße sind nicht vorhanden, der rechten Figur fehlt sogar ein Teil des Rumpfes. Flächig und starr wirken ihre Körper, die erst durch die teilweise dichte Verflechtung von eingeschriebenen Linien und Gestalt an Lebendigkeit gewinnen. Doch bieten die Binnenlinien kein stützendes Korsett, vielmehr steigern sie die instabile Lage der Fallenden: Mit hochgerissenen Armen erforschen die beiden den Raum, wobei die sie umfangenden dunkelblauen Partien wie ein Nachhall vorangegangener Bewegungen klingen. Den möglichen Halt suchen sie vergebens, der Sturz ist unvermeidbar. Die Situation wirkt um so unheilvoller, als dass der unbekannte Gegner Raum sie zu „verschlucken“ droht. Hier ist nichts mehr von dem Optimismus und der Lebensfreude der früheren Arbeiten zu entdecken. Seine Lebensbejahende Symbolfigur hat Marini zu einer Chiffre der Labilität und Unsicherheit umgewandelt.
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