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Marino Marini (1901- 1980)

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Marino Marini
"Cavaliere"
Öl und Tempera auf Malkarton/Leinwand ; 1955
85 x 61,5 cm
Signiert und datiert
Registriert in der Fondazione Marino Marini, Pistoia

Marino Marini, einer der bedeutendsten Bildhauer der Gegenwart, beginnt seine künstlerische Laufbahn 1923 als Maler. Besonders seit dem Ende der vierziger Jahre widmet er sich wieder mit großer Intensität der Malerei, nun auch in engem Austausch mit seiner bildhauerischen Tätigkeit. Marini erklärt dazu folgendes: „Ich habe immer das Bedürfnis gehabt, zu malen und zu zeichnen, und ich beginne nie eine Plastik, bevor ich nicht ihre Essenz malerisch erfasst habe [...]. Malen ist mir angeboren als ein ursprüngliches und heftiges Verlangen, die Farbe zu suchen. Es gibt keine Plastik, die nicht durch diese Erfahrung durchgegangen ist.“1)

In den fünfziger Jahren gelingt Marini der große internationale Durchbruch. Es sind vor allem die Reiterdarstellungen, die ihn berühmt machen. Sie sind es auch, die ihn neben den drei weiteren Themenkreisen - dem Bildnis, der Pomona und den Akrobaten und Tänzerinnen - Zeit seines Lebens beschäftigen. Im Laufe der Jahre lässt sich der Reiter zu einer Art Autobiographie Marinis zusammenfügen. Er spiegelt seine Befindlichkeit, das Mitleiden, die moralische Entrüstung und seine nie verloren gegangene Hoffnung. Die frühen Reiterfiguren vermitteln noch eine relative Ausgewogenheit: der Mensch beherrscht das edle, domestizierte Tier und ist klar von ihm geschieden. Dies ändert sich in der Nachkriegszeit grundlegend. Aus dem Schweizer Exil nach Mailand zurückgekehrt, sind es nicht allein der politisch-gesellschaftliche Zusammenbruch und das soziale Elend, die ihn bedrücken, sondern es bedrängt ihn vielmehr die Erkenntnis, dass die humanistische Kultur Europas ihrem Ende entgegengeht. Marini stürzt sich in die Arbeit. Seine Werke gewinnen seither eine neue tragische Ausdruckskraft. „Meine Reiterstatuen sind Symbole der Besorgnis, die mich bei der Betrachtung meines Zeitalters ergreift. Meine Pferde werden nach und nach immer unruhiger, und die Reiter immer unfähiger, sie zu bändigen. Die Katastrophe, der Mann und Tier erliegen, gleicht jener, welche Pompeji und Sodom vernichteten.“2)

In unserer Arbeit „Cavaliere“ nun zeigt Marini einen Reiter auf seinem Pferd, fest mit ihm verbunden, Weiß in Weiß verschmelzen sie beide farblich und formal miteinander. Das Pferd scheut, der Reiter wird nach hinten gerissen. Vor einem stark farbigen Hintergrund setzen sich die Umrisse der Figuren scharf ab. Aus geometrischen Formen mit nur wenigen Strichen gebaut, verharrt Marinis Malerei ganz in der Fläche. Er verzichtet konsequent auf Dreidimensionalität, auf Modellierung und Raumdarstellung zu-gunsten der Bewahrung der Bildfläche. Es ist die befreite Farbe, die den inneren Aufruhr des Künstlers artikuliert. Leuchtendes Gelb-Orange-Rot umgibt den strauchelnden „Cavaliere“. Seine mit heftigen, expressiven Pinselstrichen gemalte Umgebung scheint ein Spiegel seiner Befindlichkeit zu sein.

Die stille Gelassenheit der Reiter aus der Vorkriegszeit ist hier gänzlich verschwunden. Auch ist der Reiter für Marini kein Machtsymbol wie etwas der Marc Aurel, Gattamelata oder auch der Bamberger Reiter, sondern er gerät ihm immer mehr zu einer tragischen Figur. Mit ihm scheint Marini nun vielmehr ein Zeichen für die Ausgesetztheit des modernen Menschen zu finden. Er steht stellvertretend für das Drama der Menschheit. Das klassische Formenvokabular ist restlos demontiert.

Dabei hat sich der Künstler offensichtlich gründlich mit Picassos „Guernica“ auseinandergesetzt. Und dennoch geht auch im völligen Zusammenbruch das toskanisch-tektonische Gerüst der Figuren nicht gänzlich verloren. Es bleibt Hoffnung. Marinis Reiter scheinen weiter eine stoische, bis tief in die antike Geschichte zurückreichende Geduld in sich zu tragen: sie sehen ihre Welt untergehen und geben sich dennoch nicht auf.



Anm.:
1) Zitiert nach: „Marino Marini. Aus der Sammlung Marina Marini, Gemälde, Skulpturen, Zeichnungen“, Ausst.-Kat., München 1995, S. 9.
2) Ebenda, S. 10.


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