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Ernst Wilhelm Nay (1902 - 1968)

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Ernst Wilhelm Nay
"Najaden"
Gouache über Bleistift ; 1949
16,5 x 31,5 cm
Signiert und "49" datiert. Auf dem Unterlagenkarton "Ernst WIlhelm Nay: Pompejanisches 1949, Gouache" von fremder Hand betitelt und bezeichnet.
Provenienz: Sammlung Alfred und Anne Hentzen, Hamburg
Ausstellung: Hannover 1950, Nay-Ausstellung der Kestner-Gesellschaft, Nr. 106 mit dem Titel "Najaden".
Aufgenommen in das in Vorbereitung befindliche Werkverzeichnis der Arbeiten auf Papier durch die Nachlassverwaltung Ernst Wilhelm Nay, Köln.

Die vorliegende Gouache zählt zu einer Schaffensperiode, in welcher Ernst Wilhelm Nay - auf der Suche nach Erneuerung - häufig Rückbezüge auf die Ursprünge der Zivilisation, die antike Mythologie, herstellt. Er hat unserer Gouache den Titel „Najaden“ gegeben, welcher in der antiken römischen und griechsischen Mythologie anmutige weibliche Naturgeister beschreibt. Hierzu bemerkt Nay wie folgt: „Die Bindung an das mythische Urwesen lässt uns die wahre Realität der Natur erkennen.“1) Die kräftigen Farben des Blattes scheinen vor unseren Augen zu tanzen. Sie sind in dynamischer Bewegung begriffen, formieren sich zu geschwungenen, kreiselnden Formationen und bilden Schleifen aus. Assoziationen an Gegenständliches werden an einigen Stellen geweckt: sind es Augen, Vögel, Körperteile? Die Farben der Flächen prallen in ihrer ungeheuren Intensität aufeinander, entwickeln eine Dynamik, die sich in der Fläche wie ein bewegter Teppich vor den Augen ausbreitet. Die Raumordnung wird allein durch die Distanzwerte der Farbe hergestellt und erscheint als bewegtes Flächenrelief. Heraus bildet sich das aperspektivische, durch Farbabläufe bewegte Bild, das sich allein aus der Farbe aufbaut. Das Schwebende der abstrakten Figurationen und die Stimmungsqualität des Farbklanges haben etwas Heiteres, Spielerisches oder wie es ein Kritiker formuliert: „Nays Bilder sind die Präludien zu einer neuen Welt, die sich in Weite und Helle einrichtet.“2)

„Najaden“ ist zu einem Zeitpunkt entstanden, zu dem sich Nay von der gegenständlichen Malweise abwendet und seine Bilder zunehmend abstrakter werden. Angesichts der Entwicklungen in den Naturwissenschaften, etwa Einsteins Relativitätstheorie, oder der zeitgenössischen Philosophie, spricht Nay von einer Geworfenheit des Menschen ins unbestimmt Gestaltlose. Durch einen solchen, nicht mehr rückgängig zu machenden Welt-, Wirklichkeits- und Raumverlust bleibt der Malerei kein Gegenstand mehr, nur noch die Fläche und die Farbe. Aufgabe der Malerei ist es nun, einen neuen Raum und neue Gestaltungsmöglichkeiten mittels einer rhythmisch über die Fläche ausgebreiteten Ordnung kostbarster Farben zu erforschen. Gleichzeitig ist es Nays Anliegen, im Bild die universelle Dynamik zum Ausdruck zu bringen, die Auflösung des Stoffes in bewegte Energie – ebenfalls ein Gedanke, den er aus der modernen Physik ableitet. In ausfahrenden Schwüngen schreibt der Künstler Arabesken. Leitform ist die Schleife, die oft in sich zurückkehrt und eine Herzform bildet. Diese Arabesken sind Ausdruck der dynamischen Bewegung, die Nay als das wichtigste konstituierende Element der Wirklichkeitsempfindung seiner Epoche erscheint. Das Zeichen für Unendlichkeit – die liegende Acht – wird für ihn zur symbolischen Form, die, weil sie immer in sich zurückkehrt, gleichzeitig Dynamik und Ganzheit repräsentiert.

Seine Malweise erklärt Nay selbst wie folgt „Er [der Maler] geht also nicht vom Gegenstand aus, sondern von den Formelementen, die der Gegenstand stimuliert, er kehrt in das absolute, autonome Formbild ein und findet das Bild als Ereignis, in dem sich die Synthese des raum- und zeitlosen Seinsgrundes mit der Substanz vollzieht. Für dieses vierdimensionale Bild ist also der Gegenstand Wegweiser für das Formen, der mit seiner substantiellen Kraft Raum und Dynamik, damit die gesamte Gestaltung des Bildes bindet. Aus der um keinen Preis unbewussten aber keineswegs intellektuellen, sondern überwachen Gestaltung dieses Bildes wird der raum- und zeitlose Seinsgrund in seiner Ursprünglichkeit sichtbar. Aus der in überwacher Bewusstheit gestalteten dreidimensionalen und dynamischen, damit also vierdimensionalen Formgestalt entsteht das Bild, dem ich mit meinem Talent und meinen Bemühungen diene.“3)



Anm.:
1) Nay an Carl Georg Heise, Brief vom 10.6.1946, zitiert nach „E. W. Nay, 1902-1968. Bilder und Dokumente“, München 1980,S. 11.

2) Friedrich Rasche, „Vorausschöpfung neuer Wirklichkeit“, in: Braunschweiger Presse, 12.4.1955, zitiert ebenda, S. 11.

3) Rede von Nay zur Eröffnung der Ausstellung im Frankfurter Kunstkabinett Hanna Bekker vom Rath, 8.6.1949, in: ebenda, S. 105.


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