GALERIEKATALOGEKUENSTLERKATALOGELEISTUNGENNEWSLETTER


Ernst Wilhelm Nay (1902 - 1968)

Zurück zur Übersicht Weitere Arbeiten des Künstlers


Ernst Wilhelm Nay
"Vom Grau Begleitet"
Öl auf Leinwand ; 1957
72 x 52 cm
Signiert und datiert
Provenienz: Privatsammlung Berlin
Werkverzeichnis der Ölgemälde von Aurel Scheibler Bd. II, Nr. 848


Mitte der fünfziger Jahre befindet sich Ernst Wilhelm Nay auf dem Höhepunkt seines bisherigen Schaffens. Offizielle Ehrungen und Preise sowie große nationale und internationale Ausstellungen machen ihn zum führenden künstlerischen Vertreter der deutschen Nachkriegsgeneration. Nay’s exponierte Stellung gründet nicht nur auf seinem einzigartigen Gespür für Fläche und Farbe, sondern vor allem auch auf seinem schier unerschöpflichen Drang, die Abstarktion im Allgmeinen und die Flächendynamik im Speziellen weiter zu erforschen. Jede Schaffensphase in seinem Werk stellt retrospektiv betrachtet eine logische und konsequente Fortentwicklung der vorherigen dar, weswegen man fast schon von einer klaren Konzeption, zumindest aber von einer klaren künstlerischen Vision sprechen muss, die seinem Werk zeitlebens inhärent war.

Gegen Ende der fünfziger Jahre geben der Humanismus, die Mythologie und heilsgeschichtliche Vorstellungen dem Künstler jedoch keine Impulse mehr. Der Mensch hat als einzige Gewissheit und Halt sich selbst und seine geistige Erkundungsfähigkeit. Das autonome Bild wird Formausdruck des autonomen Menschen, der nur die im Bezugssystem seiner eigenen Existenz auftauchenden Erscheinungen als Wirklichkeit nimmt. Das Bild besteht ganz in sich, es ist reine Akustik. Und doch beinhaltet es eine ungemein starke, bedeutsame Kraft, wie Nay selbst ausführt: „Eine universale, im Grundsätzlichen religiös gestimmte Kunst, die ganz Kunst ist, bis zum Artismus Kunst ist, [ist] so weit getrieben, dass von selbst eine universale Religiösität aus ihr herausgeschleudert wird. Eine sinnliche Kunst, eine kraftvolle Kunst, eine Kunst, die als Lebensäuße-rung stark auftritt, presst aus sich spontan eine universale Empfindung heraus, die eine neue Definition des Religiösen enthält, eine weltzugewandte Transparenz. Diese Kunst ist meine Kunst.“1)

In dieser Zeit entsteht unser Bild „Vom Grau begleitet“, das ein sehr aussagestarkes, bedeutsames Zeugnis für Nays Schaffen dieser Jahre ablegt. Farbige Scheiben schweben schwerelos im Raum. Ein langsames Pulsieren entsteht auf der Oberfläche gleich einem tiefen Ein- und Ausatmen. Der Farbklang wird von warmen, herbstlichen Gelb- und Brauntönen dominiert, dem sich ein dunkles Grün beimischt. Als spannungsreicher und doch vorsichtiger Kontrast dazu sind graue, kleine schwarze und weiße Scheiben mit der Komposition verwoben. Die Farbe soll als reiner konstruktiver Gestaltwert begriffen werden – außerhalb ihrer expressiven, interpretierenden oder illustrierenden Funktion. Malen heißt für Nay, das Bild als gestaltete Fläche aus der Farbe zu formen und damit einen geordneten, rhythmisch und räumlich bewegten Klangkörper aufzubauen.

Die Fläche und ihre Gestaltung ist der rote Faden, der sich durch Nays gesamtes Werk zieht. Der Künstler verfolgt über Jahrzehnte die Frage, wie die Fläche durch das Medium der Farbe zu bewegen und methodisch in Besitz zu nehmen ist. Auf der anderen Seite ist diese Fläche für Nay das Feld seiner geistigen Aktion. Nur hier kann sich für ihn Selbstverwirklichung ereignen, also eine Beziehung zur Wirklichkeit erfahren und damit in Proportion zu der ihn umgebenden Gestaltlosigkeit gesetzt werden. Die Fläche ist insofern der Existenzgrund selbst, Erscheinungsort der Ganzheit der Lebensempfindung aus der Totalität von Ich und Welt. Nays Worte dazu lauten folgendermaßen: „[...] Ich sehe an mir herunter. Ich stehe auf fließendem Sand, den der Sturm peitscht. Ich wanke im Wind, aber ich stehe auf einer Fläche. An mir heruntersehend, bleibt diese eine eben gerade noch begreifbare Tatsache. Ich stehe. Der einzige Punkt ist, dass ich hier auf dem Strand stehe. Und sehen Sie, das ist es, Malerei, Fläche. Das Leben zu bestehen ist für einen Maler die Fläche zu bestehen – die gegenwärtige Situation.“2)



Anm.:
1) Nay o. O., um 1958, zitiert nach „E. W. Nay 1902-1968, Bilder und Dokumente“, Archiv für bildende Kunst am Germanischen Nationalmuseum Nürnberg (Hg.), München 1980, S. 163-164.

2) Ernst Wilhelm Nay in einem Brief o. D., zitiert nach Werner Haftmann, „E. W. Nay“, Köln 1991, S. 217.


Falls Sie weiterführende Informationen zum Künstler oder Bildmaterial der abgebildeten oder weiterer verfügbarer Arbeiten benötigen sollten, senden Sie uns bitte eine Email an: mail@ludorff.com


© VG Bildkunst, Bonn