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Ernst Wilhelm Nay (1902 - 1968)

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Ernst Wilhelm Nay
"Augen – Dreiklang"
Aquarell ; 1963
40,5 x 33,5 cm
Signiert und „63“ datiert
Rückseitig von Elisabeth Nay „24“ nummeriert, „Nay Aquarell 1964“ bezeichnet sowie ebenfalls rückseitig von ihr „Dieses Aquarell ist von E. W. Nay“ handschriftlich bestätigt und signiert.

„Das Bild, das Kunstwerk, ist nicht nur als Absolutum da, als in dem Sinne Natur, wie wir […] das Äußere, das uns umgibt, Natur nennen gewohnt sind, sondern im Sinne der Erfahrung der Naturwissenschaft, der Forschung, d.h. so wie Natur heute erkannt wird, sich uns Heutigen zeigt […]“1) , mit diesen Worten gibt Ernst Wilhelm Nay Einblick in seinen Bildbegriff und seine künstlerische Intention.

Ab 1955 entwickelt sich die Scheibe zum Hauptmotiv seines Schaffens. In zahlreichen Variationen dieser nunmehr vollkommen abstrakten Bildthematik argumentiert Nay hierbei ganz aus der Farbe heraus. In den Jahren 1963/64 erweitert er dieses Scheibensystem durch die Zufügung einer neuen, linearen Komponente – es entstehen die so genannten „Augenbilder“, in welche sich das hier vorliegende Aquarell „Augen – Dreiklang“ einreiht. Der Übertritt von den Scheiben hin zu den Augen verdeutlicht ganz evident Nays bedingungslose Vorgehensweise, etwas zu finden, wieder zu verlassen und neu zu definieren.

Über die runden Scheiben setzt Nay nun horizontal oder vertikal spitz-ovale Formen bzw. verleibt ihnen kleine Rundformen ein, so dass „die Scheiben regelrecht platzen […] wie reife Früchte“2) . Das Motiv des Auges ergibt sich auf diese Weise ganz von allein. Zum ersten Mal seit Jahren tauchen damit in Nays Arbeiten wieder Bezüge zum Kreatürlichen auf, dringen organische Elemente in die ehemals vollständig gegenstandslose Bildwelt ein. Das Auge als wachsames Sinnesorgan wird zum Ausdruck des Schauens und „Angeschaut-werdens“3). Nay konfrontiert den „Zuschauer“ mit einer bewegten, farbdifferenzierten Motivik, die mit ihrem sich öffnenden, expressiven Gestus eine neue Räumlichkeit erschließt und das Verhältnis zwischen Bild und Publikum in einen augenscheinlichen Dialog überführt. Magisch ziehen die Augenbilder den Betrachter mit elementarer Kraft in ihren Bann, lassen ihn nicht wieder los. Der Blick wird wechselseitig aufgefangen und zurückgeworfen - ein nahezu kultischer Vorgang, der sich als permanent wiederholender Kreislauf vollzieht.

Der Bildaufbau des Aquarells „Augen – Dreiklang“ wird durch das Zusammenspiel der Primärfarben Rot, Gelb und Blau rhythmisiert. Helle und dunkle Partien stehen sich kontrastierend gegenüber: Teilweise trägt Nay mehrere Schichten Aquarellfarbe übereinander, so dass sich das Innerste dieser Augen nicht erschließen lässt, sondern vielmehr durch das dunkle Kolorit geheimnisvoll verhüllt wird. An anderen Stellen bezieht der Künstler das Weiß des Papiers in die Komposition ein, verleiht den Augen damit einen Hauch von Leichtigkeit und Zartheit. „Diese meine Kunst teilt ja nicht mit, sondern >macht sichtbar< oder >offenbart<. Und zwar nicht die Abkehr vom Rationalen, Logik und Perspektive […], sondern die zukünftigen Formulierungen vom Verhältnis Mensch und Welt, Mensch und Universum, Mensch und Natur.“4)

Anm.:
1) Ernst Wilhelm Nay zitiert in: Siegfried Gohr/Johann Georg Prinz von Hohenzollern/Dieter Ronte (Hg.), „Nay – Variationen. Retrospektive zum 100. Geburtstag“, Köln 2002, S. 20.

2) Siegfried Gohr, „Der Beteiligte – Unbeteiligte“, zitiert in: „E. W. Nay . Retrospektive“, Ausst.-Kat., Köln 1990, S. 9.

3) Vgl. Elisabeth Nay-Scheibler, „Augenbilder“, in: Siegfried Gohr/Aurel Scheibler, „Ernst Wilhelm Nay. Werkverzeichnis der Ölgemälde“, Bd. II, Köln 1990, S. 238.

4) Ernst Wilhelm Nay zitiert in: Gohr/Prinz von Hohenzollern/Ronte (Hg.), S. 22.



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