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Fritz Winter (1905 - 1976)

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Fritz Winter
"Weisse Schwingungen"
Öl auf Leinwand ; 1968
80 x 90 cm
Signiert und datiert. Rückseitig nochmals signiert, datiert und betitelt
Provenienz: Privatsammlung Rheinland
Werkverzeichnis Lohberg, Nachtrag Nr. N 7

Seit 1967 entwickelt Winter Farbflächenformen, in denen er die Farbe in ihrem direkten Ausdruck und in der ihr eigenen Wertigkeit und Materialität zur Sprache bringt. Die einzelnen Farbflächen werden, wie in unserem Bild „Weisse Schwingungen“ zu sehen ist, mit Hilfe von Schablonen aufgebracht. Dadurch entsteht auf der vorderen Ebene eine Untertei -lung in Farbzonen. Der Grund der Leinwand ist zunächst flächendeckend mit Weiß vorbereitet worden. Einzelne Partien spart Winter sodann beim Farbauftrag aus, wodurch die treppenartigen, kantigen Schwingungen entstehen. Der mehrschichtige Aufbau gewährt Durchblicke auf die darunterliegende Ebene. Wie Guckschlitze öffnen sich dem Betrachter kleine Lücken zwischen den Farbflächen und eröffnen ihm den Blick auf lichtes Weiß. Dieser Tiefenraum wird jedoch zur vordersten Bildebene hin weitgehend abgeschlossen.

Die stufenartig eingeschnittenen Streifen sind vielgestaltig ausgeformt. Dabei schlagen die Schwingungen, die seismographischen Kurven gleichen, auf der linken Bildseite horizontal und auf der rechten vertikal aus. Sie verzahnen die einzelnen Farbflächen miteinander, zwingen sie in die Ebene und schaffen gleichzeitig eine Verankerung nach rechts und links, oben und unten, kreuz und quer.

Die Farbwerte werden in unserer Arbeit von Blautönen und Schwarz dominiert. Sie tauchen in unterschiedlichen Abstuf-ungen beidseitig der Achse auf, die im rechten Drittel das Bild durchzieht. An den Rändern ist ein violetter und ein grauer Balken auszumachen. Einen spannungsvollen Gegensatz zu dieser harmonischen Anordnung bildet ein kleiner Streifen Ockergelb, der sowohl durch seine Farbigkeit als auch durch die Plazierung innerhalb der strengen Systematik die Komposition durchkreuzt.

Die einzelnen Flächen sind wie Schichten übereinander angeordnet. Verwerfungen entstehen an einer Achse. Man fühlt sich an einen schematisierten Schnitt durchs Erdinnere erinnert. Dabei erscheinen die Farbbänder wie ein Ausschnitt aus einem fortlaufenden Kontinuum, das an den Rändern des Bildes nicht Halt macht. Bis auf die Durchblicke zur zweiten Bildebene hat das Werk kaum eine räumliche Tiefenausdehnung. Die einzelnen Farbwerte besitzen durch die starre Verklammerung der Formen in der Fläche nur eine sehr beschränkte dreidimensionale Wirkung. Die Balken sind präzise voneinander abgegrenzt und tragen damit viel zur Klarheit der Bildkomposition bei. So wird jedoch der Stimmungswert der unterschiedlichen Töne weitgehend ausgeschaltet. Die Auswahl der Farben, der systematische Bildaufbau und die gleichmäßige Textur erzeugen einen Ausdruck von Harmonie und Gleichmaß. Gleichzeitig werden jedoch auch formale und farbliche Irritationen in die Kompo-sition eingepasst und steigern damit den Spannungsgehalt der Arbeit maßgeblich.

Auffällig erscheinen in dieser Schaffensperiode Winters die strengen Lineaturen. Scherenschnittartig scharf werden die Konturen gezogen. Genau abgezirkelte Grenzen sind zwischen die einzelnen Flächen gelegt. Damit wird die intensive Leuchtkraft der Farben noch unterstützt. Das Kompositionsprin-zip wirkt rationaler durchdacht als in Winters Werken der vierziger und fünfziger Jahre, in denen der Aufbau von Intuition beherrscht wurde. Es geht dem Künstler nicht mehr um die Visualisierung von bewegten Prozessen in der Natur, sondern vielmehr um ein statisches Modell fixierter Erlebnisse. Die kühle, klare Wirkung der Arbeit lässt in ihrer Interpretation keine romantische Grundstimmung mehr zu.

Anm.:
1) Fritz Winter zitiert in: Gabriele Lohberg, „Fritz Winter. Leben und Werk“, München 1986, S. 90.
2) „Fritz Winter: Aus Briefen und Tagebüchern 1932-1950“, in: „Fritz Winter“, Bern 1951, S. 17.



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