|
Ewald Mataré
(1887 - 1965)
|
Ewald Mataré
"Mathematik-Kuh I"
Bronze ; 1946
H. 4,4 cm, B. 11 cm, T. 6,7 cm
Signiert mit dem Monogramm
Provenienz: Privatsammlung Süddeutschland
Werkverzeichnis Schilling Nr. 297 a
|
Ewald Matarés freies bildhauerisches Werk entzieht sich jeder Zuordnung zu einer bestimmten künstlerischen Bewegung. Generationsmäßig gehört er dem Expressionismus an, doch da ihm ein purer Ästhetizismus oder der Gedanke einer programmierten Aussage suspekt ist, sind in Matarés Werk höchstens partiell expressionistische Anklänge zu finden. Er bleibt zeitlebens in künstlerischer Hinsicht ein Einzelgänger. Statt einem Programm folgt Mataré der Natur, die anregendes und auslösendes Moment seiner Kunst ist. Während seines gesamten bildhauerischen Schaffens setzt er sich mit großer Intensität mit der Tierskulptur auseinander. Angesichts der motivischen Beschränkung auf wenige Arten wie Rinder, Pferde und Katzen konzentriert sich seine künstlerische Konzeption auf formale und inhaltliche Elemente. Über seine ausgeprägte Beobachtungsgabe und eine analytisch-intellektuelle Naturbeziehung bildet er Begriffe, die auf gattungsspezifische Wesenserfassung und eine der Kreatur eigene Gesetzmäßigkeit ausgerichtet sind. In einer geistigen Übereinstimmung mit dem Tierbild Franz Marcs bemüht sich Mataré, alle Möglichkeiten des Individuums auf eine Idee zurückzuführen.
Für spontane Äußerungen ist in dieser Kunst kein Raum. Mit großer Konzentration schafft Mataré sein Werk, wobei er in der Reduktion und Geschlossenheit der Form den Ausdruck des Elementaren sucht. Das Zeichenhafte im Gegenständlichen, die klare Begrenzung und das haptische Erlebnis der schönen geschmeidigen Oberfläche der Plastik sind für ihn entscheidende künstlerische Intentionen. So ist bei unserer „Mathematik-Kuh I“, die ein ganz wichtiges Werk von Mataré in dieser Zeit darstellt, das Wesentliche mit nur wenigen Formen erfasst. Es wird gleichsam ein Konzentrat einer Naturform gegeben, eben einer liegenden Kuh. Der Eindruck wird mehr als Zeichen, als Chiffre übermittelt. Um 1943 findet im Werk Matarés mit der „Liegenden Kuh“ eine deutliche Wende hin zu einer geometrischen, fast kubistischen Gliederung statt, die auch unsere Plastik auszeichnet. Die Form wird zunehmend komplizierter und erhält eine reichere Gliederung. Die Suche nach dem Zeichenhaften bewegt Mataré zu einer Form, die in sich ruht, die das Idolhafte und das Dinghafte betont. Die Voraussetzung für sein bildhauerisches Schaffen ist die Wechselbeziehung zwischen seinem Materialverständnis, der Formanalyse und dem inhaltlichen Bezug. Erst die Beziehung dieser verschiedenen Komponenten formt die künstlerische Aussage und fasst alle bestimmenden Teile einer Plastik zu einer Einheit zusammen.
Mataré vertraut 1925 seinem Tagebuch Zeilen an, die programmatisch für seine Kunstauffassung zu verstehen sind: „Die Plastik hat ihr eigenes Gesetz, sie ist nur durch sich selbst und in sich richtig, nichts wird durch außen bestimmt, es gibt keine ‚Richtigkeit’ in der Plastik, nichts, was sie mit dem gemeinsam hätte, an was sie rein gegenständlich in der Natur erinnert. Und doch wieder nichts außerhalb der Natur. Erlebe ich die Form eines Tieres, eines menschlichen Körpers in der Natur, so setzt gleich die Umwertung in plastische Begriffe ein, und es entsteht ein vollkommen neues Gebilde. Während in der Natur die einzelnen Teile eingefügt sind, um einem bestimmten Zweck zu dienen, fügen sich auch die einzelnen Teile der Plastik zu einem bestimmten Ganzen zusammen, dessen Zweck gänzlich von dem verschieden ist, den die Natur mit ihrer Verbindung in der Wirklichkeit anstrebt. Hier fühlt man die Grenze zwischen Natur und Kunst und man begreift den Irrtum oder die Halbwahr-
heit unserer Zeit, die wohl das Grundverschiedene eines Kunstwerkes von der Natur erkannte, aber über das Ziel hinaus schoss, indem sie jede Verbindung mit der Natur löste, was notgedrungen zur reinen Willkür führen musste. Die Natur ist und bleibt unsere einzige Lehrmeisterin, aber je mehr ihr willig, gelöst folgen, desto mehr erheben wir uns und unsere Arbeit über alles Äußerliche zu einem selbständigen Eigenen.“1)
Anm.:
1) Ewald Mataré am 19. 9. 1925 in seinem Tagebuch in List auf
Sylt. Zitiert nach „Ewald Mataré“, Ausst.-Kat. Pfalzgalerie
Kaiserslautern, Städtische Museen Heilbronn 1981, o. S.
|
Falls Sie weiterführende Informationen zum Künstler oder Bildmaterial der abgebildeten oder weiterer verfügbarer Arbeiten benötigen sollten, senden Sie uns bitte eine Email an:
mail@ludorff.com
© VG Bildkunst, Bonn
|
|