Emil Nolde
"Blaue Akelei und gelbe Rosen"
Aquarell auf Japan ; um 1935/40
45,6 x 34,2 cm
Signiert>
Expertise: Dr. Martin Reuther, Stiftung Ada und Emil Nolde, Seebüll
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An jedem Ort, an dem sich Emil Nolde für längere Zeit niederlässt, legt er, als Ausdruck seines innigen Verhältnisses zur Flora, einen Garten an und pflanzt dort die unterschiedlichsten hölzernen Gewächse und Blumen. „Der Garten auf Utenwarf, in seiner schräg der Sonne zugewandten Lage die Warft hinab, war besonders schön zugewachsen und blumenreich. Die leuchtendroten Rosen lagen in Wellen den Südhang hinunter, und oberhalb um den schmalen Teich […] blühten die schönsten Stauden. […] Ein ganz kleines Paradies! Aber die Einbildung, dass in der Marsch keine Blumen wachsen können, war widerlegt“1), erinnert sich der Maler im Rückblick an die Gartenanlage an der West-küste in der Nähe von Tondern. Auch in Seebüll, wo sich Nolde ab 1928 ein neues Domizil geschaffen hat, entsteht ein Garten - noch größer und weitläufiger ist diese liebevoll bepflanzte Anlage. Zwischen den ineinander verwobenen Wegen, die den Initialen E(mil) und A(da) nachempfundenen sind, wachsen jene Blumenrabatten, welche die Inspirationsquelle für unser Aquarell „Blaue Akelei und gelbe Rosen“ bilden.
Aus den Primärfarben Blau und Gelb sowie aus der sich im Gemisch beider Farben ergebenden Sekundärfarbe Grün baut Nolde die intensive, berauschende Farbkomposition auf. In ihrer leuchtenden Blütenpracht wachsen die Blumen mit dichtem Blattwerk in dem hochrechteckigen Format empor, nehmen dieses stolz in Besitz, drängen fast über es hinaus. Ein sinnlicher Duft entströmt diesen Blumen, deren Blütenköpfe sich betörend zum Betrachter wenden. Der Hintergrund, eine zartblau changierende Himmelsfläche, ist kaum definiert, er tritt zurück, denn alles andere verblasst vor der Strahlkraft und Lebendigkeit der Blumen. Doch nicht allein die natürliche Schönheit der Blumen und die Freude beim Betrachten sind für Nolde Ausgangspunkt seiner künstlerischen Auseinandersetzung mit dem floralen Sujet. Vielmehr bergen die in diesem Aquarell dargestellten Blumen in ihrer ineinander verschlungenen Wuchsform ein Geheimnis und künden damit vom Mysterium der Natur. So bringt Nolde die Blumen nicht arrangiert in einer Vase auf das Papier, wo sie gepflückt ihrer natürlichen Umgebung beraubt und dem raschen Verwelken preisgegeben sind, sondern belässt sie unter dem weiten Himmelszelt.
Nolde portraitiert nahezu die Blumen, widmet sich ihnen mit Hingabe und erkennt in jeder Blüte deren individuelle Besonder-heit.2) Diese Individualität bezieht sich jedoch nicht auf die namensspezifische Unterscheidung der Blumen, denn, so erklärt Nolde, „die Namen waren mir immer weniger bedeutend als die Blumen selbst“3), sondern auf ihre einzigartige und existenzielle Bedeutung im Naturkreislauf.
Anm.: 1) Martin Urban, „Emil Nolde - Blumen und Tiere. Aquarelle und Zeichnungen“, 3. Aufl., Köln 1980, S. 34.
2) Vgl. Urban, S. 36.
3) Emil Nolde in einem Brief an einen Museumsdirektor, 3.5.1950, rezitiert in: Urban, S. 36.
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