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Paula Modersohn-Becker (1876 - 1907)

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Paula Modersohn-Becker
"Drei sitzende Mädchen mit Strohhüten und Blumenkränzen"
Öl auf Malkarton auf Leinwand aufgezogen, 1901
41,5 x 36 cm
Eigenhändig „VII 1901“ datiert
Provenienz: Galerie Alfred Flechtheim, Düsseldorf (1928/29); Hermann Lange, Krefeld (1928); Casper Henselmann, New York (1974); Frankfurter Kunstkabinett Hanna Bekker vom Rath, Frankfurt a. M. (1975); Graphisches Kabinett Bremen (1975); Privatsammlung Nordrhein-Westfalen (1976)
Ausstellungen: Galerie Alfred Flechtheim, Düsseldorf 1928/29, Kat.-Nr. 40;
Frankfurter Kunstkabinett Hanna Bekker vom Rath, Frankfurt a. M. 1975; Kat.-Nr. 6 mit farb. Abb.
Werkverzeichnis Busch/Werner, Bd. II, Nr. 178, S. 134f mit Abb.

"Habe heute mein erstes Pleinairporträt in der Lehmkuhle gemalt. Ein kleines, blondes, blauäugiges Dingelchen. Es stand zu schön auf dem gelben Sand. Es war ein Leuchten und Flimmern. Mir hüpfte das Herz. Menschen malen geht doch schöner als eine Landschaft“1), mit diesen Worten beschreibt Modersohn-Becker ihre Begeisterung und künstlerische Entwicklung während ihres ersten Aufenthaltes in Worpswede im Jahre 1897. Im Herbst des folgenden Jahres lässt sich die junge Künstlerin endgültig in dem Moordorf, 20 Kilometer vor den Toren der Stadt Bremen gelegen, nieder. Ein Drittel der bis zu ihrem frühen Tod im Jahre 1907 in Worpswede und unter dem Eindruck wiederholter Parisaufenthalte entstandenen, mehr als 700 Gemälde kreist in vielgestaltiger Weise um das Sujet des Kindes.

Die Worpsweder Landschaft, die Paula Modersohn-Becker erstmalig 1895 in einer Ausstellung entdeckt, stellt für ihre Kunst ein entscheidendes, prägendes Moment dar. Dennoch richtet sie seit Beginn ihrer künstlerischen Studien das Augemerk auf die Darstellung des Menschen. So geht sie nach ihrer Übersiedlung nach Worpswede zunächst bei Fritz Mackensen, der sich in seiner Kunst den bäuerlichen Dorfbewohnern widmet, in die Lehre. Der sich bald darauf intensivierende künstlerische und persönliche Kontakt zu Otto Modersohn führt sie wieder an landschaft-liche Motive heran. Neben reinen Naturbildern entstehen jedoch auch zeitgleich zahlreiche Arbeiten mit figürlichen Darstel- lungen. Die kindliche Thematik liegt Paula Modersohn-Becker während der gesamten, wenngleich aufgrund ihres frühes Todes nur wenige Jahre umfassenden künstlerischen Schaffenszeit am Herzen: „Und immer wieder malte und zeichnete sie Kinder. Träumerische Kinder auf einer Wiese oder unter Birken vielleicht mit Blumen und Früchten in Händen und Kränzen auf dem flachshellen Haar, die lieblich scheue Anmut des kleinen Gänsehütemädchens aus dem Armenhaus gar, wohl auch das süße und zarte Gesichtchen eines schlafenden Säuglings.“1)

Die meisten ihrer Werke sind direkt vor der Natur und nach realen Modellen entstanden. Selten entspringt ein Motiv ihrer Phantasie, welches dann wiederum vor der Natur eine Überprüfung erfährt. Die immer wiederkehrende Darstellung von Kindern beruht dabei jedoch nicht vordergründig auf der Tatsache, dass die Worpsweder Bauernkinder gern bereit sind, als Abwechslung zum tristen, ärmlichen Dorfleben, gegen ein geringfügiges Entgelt Modell zu stehen. Vielmehr ist Paula Modersohn-Becker die künstlerische Auseinandersetzung mit der Kinderfigur ein inneres Bedürfnis. Dabei strebt sie danach, konventionelle Darstellungen zu überwinden. Sie sieht in den Kindern nicht in erster Linie den Liebreiz und das Engelhafte, sondern versucht deren Wesen aus dem Inneren heraus zu erfassen. Mit inniger Beobachtungsgabe und stiller Beharrlichkeit gelingt es ihr dabei unter die Oberfläche vorzudringen, die Hülle der äußeren Erscheinung aufzubrechen: „Ihr grundsätzlicher Widerwille gegen das Konventionelle eröffnet ihr dem Kind gegenüber den Einblick in das Vor-Bewußte, Un-Bewußte, Nicht-Erweckte, Dumpfe, Kreatürliche, das Tierhafte auch, das jedem Betrachter bei der Beobachtung auch des eigenen Kindes gelegentlich für einen Augenblick begegnen kann, da ‘es’ uns fremd, fern, unergründlich aus dem Urgrund des Lebens anblickt, durch uns hindurch sieht.“2)

Wenige Wochen nach der Heirat mit Otto Modersohn im Mai 1901, der auch eine kleine Tochter mit in die Ehe bringt, entsteht unser Gemälde „Drei sitzende Mädchen mit Strohhüten und Blumenkränzen“. Drei Mädchen haben sich auf einem Wiesenstück nebeneinander niedergelassen, das Jüngste haben sie in ihre Mitte genommen. Strohhüte schützen sie vor den Sonnenstrahlen des sich neigenden Tages. Mit Kühnheit und Einfachheit ordnet Paula Modersohn-Becker die wenigen Bildelemente. Sie beschränkt und reduziert die kindlichen Gestalten auf ein Minimum an anatomischer Einzelform. Unter den weit geschnittenen Kleidchen, die die Körperformen nur erahnen lassen, schauen kaum die ausgestreckten Beine hervor. Die kleinen Hände sind undifferenziert und ohne Finger, dennoch greifen sie den Blumenkranz oder führen etwas zum Munde. In sich versunken und mit geneigten Köpfen blicken die Kinder ins Leere. Haltung und Blickrichtung sind Spiegelbild der inneren Verfassung der Kinder, die schon frühzeitig die Schwere des bäuerlichen Lebens zu spüren bekommen. In gedämpften Rot- und Brauntönen dargestellt, berühren die Mädchen mit ihrem viel zu frühen Ernst. Der landschaftliche Hintergrund ordnet sich in matten, changierenden Grüntönen dem Figurenreigen unter und ist dabei untrennbar mit den Kindern verbunden.

Paula Modersohn-Becker erweist sich auch mit diesem Gemälde als herausragende Malerin von Kinderbildnissen des frühen 20. Jahrhunderts, deren Darstellungen sie von Koketterie und Sentimentalität befreit, zugunsten einer ungeschönten und aus der Erforschung des inneren, kindlichen Wesenskerns erfolgten Wahrnehmung.

Anm.:
1) Rolf Hensch, „Der Beitrag Paula Modersohn-Beckers zur deutschen Kunst“, in: Wolf-Dietmar Stock (Hg.) „Paula Modersohn-Becker. Ein Buch der Freundschaft“, 2. Aufl., Fischerhude 1996, S. 159.
2) Günter Busch, „Zum Werk von Paula Modersohn-Becker“, in: Paula-Modersohn-Becker-Stiftung Bremen (Hg.), „Paula Modersohn-Becker in Bremen“, 2. Aufl., Bremen 1996, S. 90.





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