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Georg Kolbe (1877 - 1947)

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Georg Kolbe
"Kniende I"
Bronze, 1923
Höhe 30 cm
Signiert mit dem Monogramm auf der linken Fußunterseite
Provenienz: Galerie Gerd Rosen, Berlin; Privatsammlung New York
Literatur: Ursel Berger, „Georg Kolbe – Leben und Werk“, Berlin 1990, S. 267/268

"Habe heute mein erstes Pleinairporträt in der Lehmkuhle gemalt. Ein kleines, blondes, blauäugiges Dingelchen. Es stand zu schön auf dem gelben Sand. Es war ein Leuchten und Flimmern. Mir hüpfte das Herz. Menschen malen geht doch schöner als eine Landschaft“1), mit diesen Worten beschreibt Modersohn-Becker ihre Begeisterung und künstlerische Entwicklung während ihres ersten Aufenthaltes in Worpswede im Jahre 1897. Im Herbst des folgenden Jahres lässt sich die junge Künstlerin endgültig in dem Moordorf, 20 Kilometer vor den Toren der Stadt Bremen gelegen, nieder. Ein Drittel der bis zu ihrem frühen Tod im Jahre 1907 in Worpswede und unter dem Eindruck wiederholter Parisaufenthalte entstandenen, mehr als 700 Gemälde kreist in vielgestaltiger Weise um das Sujet des Kindes.

Der Bildhauer Georg Kolbe konzentriert sich in seinem plastischen Werk auf ein Hauptthema: die menschliche Gestalt. Dabei geht es ihm nicht um eine naturalistische Schilderung, sondern um den Ausdruck des autonomen, freien, selbstbestimmten Menschen. Im Unterschied zur Bildhauerei des 19. Jahrhunderts fungieren die plastischen Gestalten Kolbes nicht mehr als Bedeutungsträger. Sie haben sich vielmehr von architektonischen Zusammenhängen und im Wesentlichen auch von Auftragsvorgaben gelöst. Die Skulptur ist autonom geworden. Für Kolbe ist der menschliche Körper eine reine Form. Die Bauformen des Körpers und seine Bewegungsmöglichkeiten werden von ihm als neue Form- und Ausdrucksmittel erkundet. Hierin wird der Künstler maßgeblich von Rodin beeinflusst. Nicht wenige Figuren sind in gesucht wirkenden Körperbewe-gungen und Haltungen dargestellt. Dem Bildhauer geht es dabei aber weniger um die Demonstration seines Erfindungsreichtums als um die Vermeidung von banalen, tradierten und damit inhaltlich festgelegten Bewegungsmotiven. Es ist ihm wichtig, die Bewegungen, Gebärden und Haltungen, die am 19. Jahrhundert geschulte Berufsmodelle immer wieder reproduzierten, zu vermeiden.

Von wenigen Beispielen abgesehen, sind Kolbes bewegte, befreite Skulpturen bis in die Mitte der zwanziger Jahre anmutige Frauengestalten. Mit Grazie, Leichtigkeit und leiser Melancholie bewegen sie sich im Raum. Es ist der weibliche Körper, mit dem der Bildhauer seine Vision vom harmonisch bewegten Menschen zum Ausdruck bringt. Unsere Mädchenfigur der „Knienden“ ist für diese bedeutende Werkphase ein charakteristisches Beispiel. Den Kopf in den Nacken gelegt und mit dahinter verschränkten Armen reckt sich die anmutige, junge Gestalt. In ihrer symmetrisch-geometrischen Haltung gehört sie noch zu Kolbes expressionistischer Phase. Die angeraute Oberfläche weist jedoch schon auf die skizzenhaft modellierten Figuren der nächsten Jahre hin. Ein besonderes Kennzeichen von Kolbes Plastik ist, dass die Bewegung jeweils die gesamte Figur durchzieht. Ein einheitliches Durchpulsen des ganzen Körpers bis in die Fingerspitzen wird spürbar. Unsere Skulptur ist eine von drei kleinplastischen, knienden Mädchengestalten, die einer großen Arbeit vorausgehen, die 1924 erstmals im Kolbe-Raum in der Akademie der Künste in Berlin zu sehen ist.

Kaum einem Künstler ist bei seiner Arbeit die Vermittlung von innerer und äußerer Haltung so wichtig wie Kolbe. Die Form ist ihm kein Selbstzweck, sondern ein Mittel und er versucht stets triviale Bewegungen und Sentimentalität zu vermeiden. Es ist ein Hauptcharakteristikum seiner Figuren, dass sich der Inhalt nicht in einfache Worte fassen lässt. Wilhelm Pinder kommentiert: „Kolbes Gestalten erzählen wenig, aber sagen viel.“1) Geistiges und Seelisches haben die Zeitgenossen in diesen Kunstwerken ausgedrückt gefunden - Begriffe, die in der Kunst, Literatur und Philosophie der Zeit eine große Rolle spielen. „Seele“ vermittelt sich bei den Figuren vor allem durch den Gefühlsausdruck. Der Künstler erklärt einer angehenden Bildhauerin seine Schaffensmaxime: „In der Kunst gibt es nichts auszuklügeln, der Verstand kommt erst in zweiter Linie – die Empfindung ist alles.“2) Kolbe modelliert Menschengestalten, die von Empfindungen belebt erscheinen und auch der Betrachter kann sich seinerseits den Skulpturen emotional nähern. Diese Prozesse, die im wesentlichen unbewusst ablaufen, sind schwierig zu analysieren, allerdings lassen sich einige Mittel beschreiben, mit denen Kolbe seine Skulpturen zum „Sprechen“ bringt. Häufig ist der Mund leicht geöffnet, so als ob ihm Worte, Töne oder zumindest Atem entströmen könnten. Die Pupillen werden höchstens angedeutet. Die Lider sind häufig leicht, manchmal fast ganz gesenkt, sodass das Gefühl entsteht, dass der Blick vollständig nach innen gerichtet ist.

Anm.:
1) Zitiert in: Ursel Berger (Hg.), „Georg Kolbe 1877-1947“, Ausst-Kat. Georg-Kolbe-Museum, Berlin 1997,S. 28.
2) Brief vom 15. Juni 1912, zitiert nach ebenda, S. 28.





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