GALERIEKATALOGEKUENSTLERKATALOGELEISTUNGENNEWSLETTER


Oskar Kokoschka (1886 - 1980)

Zurück zur Übersicht Weitere Arbeiten des Künstlers


Oskar Kokoschka
"Sonnenblumen"
Aquarell, 1969
64,8 x 50 cm
Signiert und „69“ datiert.


Oskar Kokoschka wird 1886 im niederösterreichischen Pöchlarn geboren und wächst in Wien auf. Dort besucht er von 1905 bis 1909 die Kunstgewerbeschule und arbeitet in der Wiener Werkstätte. Ab 1910 zieht es den Künstler nach Berlin, wo er als Mitarbeiter im zeichnerischen sowie im journalistischen Bereich in Herwarth Waldens Zeitschrift „Der Sturm“ tätig ist. Ein Jahr später kehrt er wieder nach Wien zurück und lernt dort Alma Mahler, die Frau des Komponisten Gustav Mahler kennen, mit der er von 1911 bis 1914 eine enge Beziehung führt. In dieser Zeit setzt sich Kokoschka in seinen Lithographiezyklen, die visionäre Bilder und Portraits beinhalten, mit den Problemen der menschlichen Seele auseinander. 1914 wird Kokoschka Mitglied der Freien Secession in Berlin. Nach der sehr belastenden Trennung von Alma Mahler meldet sich Kokoschka im 1. Weltkrieg als Freiwilliger und wird bei Einsätzen in den Kriegsgebieten schwer verwundet. 1917 siedelt Kokoschka nach Dresden über, wo er von 1919 bis 1924 als Professor an der dortigen Kunstakademie lehrt. In dieser Zeit entsteht eine große Anzahl von Aquarellen und Portraits, in denen die Zeichnung zugunsten der Farbigkeit vereinfacht ist. Nach seinem Ausscheiden aus der Akademie wird Paris sein Stützpunkt, von wo aus er Europa, Nordafrika und die Gebiete um das östliche Mittelmeer bereist, die ihn zu zahlreichen Städteportraits und Landschaftsbildern inspirieren. Die Werke zeugen von einem freieren und beweglicheren Pinselduktus sowie von einem intensiven Interesse an den Lichtverhältnissen. 1931 kehrt der Maler nach Wien zurück, pendelt jedoch aufgrund diverser Ausstellungen zwischen Paris und der österreichischen Hauptstadt hin und her. Mitte der dreißiger Jahre wandelt sich das politische Bild Europas zum Negativen. Der Künstler sieht sich gezwungen zunächst Österreich in Richtung Prag zu verlassen. Hier lernt er seine spätere Frau Olda Palkovská kennen. Im Mai 1938 muss Kokoschka aufgrund des geplanten Einmarsches der Deutschen in die Tschechoslowakei und da seine Werke von den Nationalsozialisten als entartete Kunst eingestuft werden, erneut flüchten. Gemeinsam emigriert das Paar nach Großbritannien, wo sie heiraten und die britische Staatsbürger-schaft annehmen1). Hier entstehen erste Arbeiten mit politisch-allegorischen Themen. Nach dem 2. Weltkrieg organisiert Kokoschka seine ersten beiden großen Ausstellungen in Zürich und Basel. Es folgen Reisen nach Salzburg, Hamburg und in die Vereinigten Staaten, wo er 1952 als Gastdozent an der Minneapolis School of Art unterrichtet. 1953 lässt sich der Maler am Genfer See in Villeneuve nieder und gründet eine Internationale Sommerakademie für Bildende Kunst in Salzburg. Von hier aus unternimmt der Künstler eine Vielzahl von Reisen ins europäische Ausland und nach Asien. Zahlreiche Ehrungen, Ausstellungen und Retrospektiven, u. a. 1962 in der Tate Gallery London, prägen diese Epoche. Auch ist Kokoschka einer der ersten Teilnehmer der „documenta“ in Kassel.

Das in unserem Katalog abgebildete Aquarell „Sonnenblumen“ entstammt dem späten Œuvre Kokoschkas. In changierenden Grün-, Gelb- und Rottönen entspringt der Sonnenblumenstrauß aus der Bildmitte der Komposition. Die Knospen der Sonnenblumen sind aufgebrochen und neigen teilweise ihr schweres Haupt nach unten aus dem Gemälde hinaus. Die Blumen sind außerhalb ihrer natürlichen Umgebung dargestellt. Mit kräftiger und spontaner Pinselführung bringt Kokoschka die Blumen auf das Papier. In blassen Grau- und Rotschattierungen deutet der Maler den Hintergrund an. Schon während der Kriegsjahre entstehen oft Blumenmotive, die dem Künstler helfen, etwas Licht und Freude in diese düstere Epoche zu bringen. “Doch der Frühling war angebrochen! […] Dies wird nicht der letzte Krieg sein, sagte ich mir, und begann selber Blumen zu malen – in Aquarellfarben. Das wurde damals bereits von den so genannten gegenstandslosen Malern als Beschäftigung allein stehender älterer Damen angesehen – aber was sollte ich anderes tun? Ich musste fortfahren, Augen und Hände zu üben, vor allem, als nach der Schneeschmelze im ersten Sonnenlicht Schneeglöckchen, Krokusse, Hyazinthen, Narzissen und Tulpen aufblühten. Öffnete man die Augen, so wurde jeder Tag zum Erlebnis.”2) Der Garten seines Hauses am Genfer See dient Kokoschka zu allen Jahreszeiten als Quelle für die Darstellung seiner floraler Sujets, die er immer wieder auf Papier festhält. Für die Blumenbilder wählt Kokoschka die Aquarelltechnik, die charakteristisch für sein Spätwerk ist. Unsere Sonnenblumen ordnen sich in die Reihe der Blumenaquarelle des österreichischen Malers ein, die durch ihre Farbigkeit und den spontanen, beschwingten Malstil bestechen.

Anm.:
1)1975 nimmt Kokoschka wieder die österreichische Staatsbürgerschaft an.
2)Oskar Kokoschka, „Mein Leben“, München 1971, S 287.



Falls Sie weiterführende Informationen zum Künstler oder Bildmaterial der abgebildeten oder weiterer verfügbarer Arbeiten benötigen sollten, senden Sie uns bitte eine Email an: mail@ludorff.com


© VG Bildkunst, Bonn