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Hermann Hesse
(1877 - 1962)
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Hermann Hesse
"Bei den Pyramiden"
Aquarell ; um 1920
18,2 x 13,8 cm
Signiert und "1920" datiert. Rückseitig mit eigenhändiger Beschriftung "Dies ist Egyptenland" bezeichnet.
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,,Nicht dass ich mich für einen Maler hielte oder einer werden wollte. Aber das Malen ist wunderschön, es macht einen froher und duldsamer"1), bemerkt der mit einer Doppelbegabung gesegnete Dichter Hermann Hesse, der erst zur Zeit des Ersten Weltkriegs begonnen hatte zu malen. Zunächst illustriert er seine Gedichte und verkauft diese zugunsten der Kriegsgefangenenfürsorge. Nach seinem Umzug nach Montagnola im Tessin 1919 entstehen weitere Blätter in der lichten und luftigen Aquarelltechnik.
Hermann Hesse beschreibt sich als einen Augenmensch. Die farbenfrohe Landschaft und das klare Licht der Berge regen ihn zu einem beständigen Schaffen an. ,,Ich bin hier stets sehr fleißig und habe neue Sachen geschrieben, die zwar niemanden goutieren wird, die aber später sich doch als notwendig zeigen werden", schreibt der Dichtermaler selbstkritisch in einem Brief von 1919 an Frau Schadelin und fahrt fort, ,,Daneben male ich viel und finde nun so allmählich meinen Stil für das, was ich sagen möchte: kleine expressionistische Aquarelle, sehr frei der Natur gegenüber, aber in den Formen genau studiert. Alles ziemlich hell und farbig."2) Die Aquarelle zeigen Landschaften mit Seen, einzelne Häuser oder kleine Ortschaften. Hesse entdeckt die Motive auf Spaziergängen oder Wanderungen in die nähere Umgebung. Manche Orte sucht er immer wieder auf, um dort in der freien Natur zu aquarellieren.
Im Vergleich zu den Tessiner-Ansichten bildet unser Blatt ,,Bei den Pyramiden" thematisch eher eine Ausnahme. Wie auf einem Baum sitzend, dessen Krone noch am unteren Bildrand als Ausschnitt erkennbar ist, eröffnet sich vor dem Betrachter eine orientalisch anmutende Landschaft. Es ist eine Art Oase mil Palmen, Pyramiden und kleinen Häusern, ergänzt mit drei Phantasiegebilden in Rosa, Hellblau und Rot. Sie erinnern an Kristall- und Steinformationen und scheinen den Vexierspielen einer Fata Morgana entsprungen zu sein. Dahinter erstreckt sich die Wüste unter der gnadenlos scheinenden Sonne.
Anregungen zu unserem Aquarell könnte Hermann Hesse durch Louis Moilliet bekommen haben, dem Maler, der 1914, gemeinsam mit Paul Klee und August Macke, zu der legendaren Studienreise nach Tunis aufbrach. Zu welchem Zeitpunkt sich Moilliet und Hesse kennenlernten ist nicht bekannt. Doch existieren Hinweise darauf, dass sich Moilliet 1918 bei Hermann Hesse von einer schweren Krankheit erholte.
Hesse ist sicherlich fasziniert von den Reiseschilderungen des Freundes und taucht bald selbst in die Märchenwelt hinab. In einem Brief schreibt er: „(...) und ich nehme an, Sie seien jetzt irgendwo am Äquator oder an den Quellen des Nil, um die unverbrauchte Luft unerforschter Wüstenlander zu atmen und es ein wenig warm zu haben. Gern wäre ich dabei, bin aber mit Studien in der Magie allzu sehr beschäftigt, (...). Ich vertausche innerlich einfach den hier vorhandenen Breitengrad mit einem, der die Zahl 1,2 oder 3 trägt, und sogleich umfächelt mich der Duft der Bananen und Datteln, und edle Araber laden Kisten mit Juwelen, Gewürzen und indischen Seidengeweben von ihren Kamelen (...)".3) Einer ähnlich schwärmerischen Stimmung ist vermutlich unser Aquarell entsprungen. Es ist ein Phantasieextrakt aus der Sagen- und Fabelwelt des Morgenlandes, der sich Hesse 1925 auch literarisch widmet, als er im Fischerverlag „Sesam. Orientalische Märchen" herausgibt. Der Orient ist für Hermann Hesse kein realer geographischer Ort, sondern, wie in seinem Aquarell eine Imagination, ein Traumland, in dem sich Erzählungen und Wunschphantasien verbinden.
Anm.: 1) Vgl. Volker Michels (Hrsg.): Hermann Hesse. Sein Leben in Bildern undTexten, 1987, S. 184.
2) Aus einem Brief vom 14. Sept. 1919 an Frau Schadelin, rezitiert nach: Bruno Hesse/Sandor Kuthy (Hrsg.): Hermann Hesse als
Maler, Frankfurt am Main 1977, S. 104.
3) Brief von Hermann Hesse an Louis Moilliet veroffentlicht in: Volker Michels: Hermann Hesse. Sein Leben in Bildern und
Texten, Frankfurt am Main 1987, S. 182.
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