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Alexej von Jawlensky (1864 - 1941)

Verfügbare Arbeiten Biographie


Alexej von Jawlensky
"Meditation"
Öl auf Leinwand/Karton ; 1935
17,5 x 13,8
Signiert mit dem Monogramm und "35" datiert. Rückseitig signiert, datiert, "N 70 J" bezeichnet und mit einer Widmung "An abscheuliche Lisa" (Lisa Kümmel) versehen.
Werkverzeichnis Maria Jawlensky, Lucia Pieroni-Jawlensky und Angelica Jawlensky, Band III, Nr. 1737, mit ganzseitiger farbiger Abb. S. 186.
Provenienz: Sammlung Lisa Kümmel ; Sammlung Olaf Hudtwalcker, Frankfurt.


Den künstlerischen Weg hin zur Abstraktion, den Alexej von Jawlensky während des Schweizer Exils bei seinen landschaftlichen ,,Variationen" einschlägt, folgt er ebenso bei den Bilderserien über das menschliche Antlitz. Auch hier reduziert er durch die Auflösung der Formen das Motiv sukzessive auf ein Grundmuster, innerhalb dessen er einzelne Elemente immer neu wandelt und kombiniert. Am Ende dieser Vorgehensweise befreit sich Jawlensky vollständig vom Gegenständlichen und gelangt zu einer rigorosen Sparsamkeit der malerischen Mittel. Damit schafft er einen wichtigen Ausgangspunkt für die abstrakte Kunst des 20. Jahrhunderts. Hiervon zeugt die letzte Werkgruppe des Künstlers, die ,,Meditationen", die besonders durch ihre konzentrierte Geschlossenheit beeindrucken. Ihnen zugrunde liegt der Christuskopf mit geschlossenen Augen. Alle individuellen Züge wie auch der Gesichtsumriß sind hier negiert. So bilden die sich unweigerlich dem Kreuzzeichen nähernden schwarzen Längs- und Querbalken das fest gefügte ,,Rückgrat" des Antlitzes. Meint der Betrachter darin noch die vertraute Abfolge von Augen, Nase und Mund nachvollziehen zu konnen, lässt die Struktur doch eher an ein Fenster denken. Hinter diesem erscheint entfernt, aber dennoch durchdringend eine verborgene Landschaft. Mensch und Natur verschmelzen so zu einem Bild, und das Gesicht wird zur Hieroglyphe dieses Einswerdens. Hierin offenbart sich Jawlenskys Verlangen nach Transzendenz: ,,Dann war mir notwendig, eine Form für das Gesicht zu finden, da ich verstanden hatte, dass die große Kunst nur mit religiösem Gefühl gemalt werden soll. Und das konnte ich nur in das menschliche Antlitz bringen. Ich verstand, dass der Künstler mit seiner Kunst durch Formen und Farben sagen muß, was in ihm Göttliches ist. Darum ist das Kunstwerk ein sichtbarer Gott, und die Kunst ist Sehnsucht zu Gott."1)

Werk für Werk wiederholt Jawlensky die gleichen Komponenten im gleichen Format und nahezu gleicher Anordnung. Dabei liegen die Unterschiede in der Farbgebung und der Pigmentdichte, im Pinselduktus und Linienabstand oder in der Neigung der Achse. Demzufolge sind die Bilder keine Vervielfältigungen. Jede einzelne ,,Meditation" hat ihren eigenen Charakter und ihre eigene Ausstrahlung, jede ist einzigartig. Durch die steten Abwandlungen wird das Echo zum schöpferischen Prinzip erhoben, wobei Jawlensky von Annäherungen und Abweichungen des Themas geleitet wird. Unsere kleine ,,Meditation" zeichnet sich vor allem durch die intensiven, teilweise glühend leuchtenden Farben aus, die sich im starken Kontrast begegnen. Nicht nur hierin erhält dieser innige Moment des Schweigens eine eigenwillige Dynamik. Auch durch das aus der Mittelachse leicht ver-schobene ,,Gerüst" und durch die breiten, kurz angesetzten Pinselstriche, die wie die Atemzüge des Künstlers klingen, manifestiert sich eine große Lebendigkeit und Lebensfreude. Das Gemälde ist Lisa Kümmel gewidmet, die Jawlensky 1927 in Wiesbaden kennenlernt. Die Künstlerin wird ihm bald eine verständnisvolle Gesprächspartnerin und unentbehrliche Mitarbeiterin: Wiederholt steht sie Jawlensky Modell, begleitet ihn auf Reisen, führt die notwendige Korrespondenz und schreibt, nach Diktat, die Lebenserinnerungen nieder. Darüber hinaus ordnet und katalogisiert sie sein Werk und bereitet in den späten Schaffensjahren seine Bilder technisch vor.

Anm.: 1) Alexej von Jawlensky an Willibrord Verkade, 12.6.1938, zitiert nach Katalog zur Ausstellung: "Alexej Jawlensky", Pinacoteca Communale Casa Rusca, Locarno/Kunsthalle in Emden, Stiftung Henri Nannen, 1989/90, S. 80.



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