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Ernst Ludwig Kirchner
(1880 - 1938)
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Ernst Ludwig Kirchner
"Alpenveilchen zu Weihnachten"
Öl auf Leinwand ; 1917
60 x 70 cm
Signiert
Werkverzeichnis von Donald E. Gordon, Nr. 501.
Provenienz: Sammlung Dr. Binswanger, Kreuzlingen.
Ausstellung: Leverkusen 2005, "Blumenstück - Künstlerglück. Vom Paradiesgärtlein zur Prilblume", Museum Morsbroich Leverkusen, Kat. S. 74/75 mit ganzseitiger farbiger Abbildung ;
Museum Kunst Palast, „Die Kunst zu sammeln. Das 20./21. Jahrhundert in Düsseldorfer Privat- und Unternehmensbesitz“, Düsseldorf 2007, Kat. mit farb. Abb. S. 194
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Der Neurologe Dr. Ludwig Binswanger (1881-1966) war der weltberühmte Gründer und leitende Arzt des Sanatoriums Bellevue in Kreuzlingen am Bodensee. Dorthin begab sich Kirchner im September 1917 wegen einer schweren nervlichen und körperlichen Krankheit aus den ersten Kriegsjahren und blieb bis zu seiner Rückkehr nach Davos im Juli 1918.
Trotz seines Leidens entstanden in der Kreuzlinger Zeit einige bedeutende Bilder wie sein Selbstbildnis als Kranker (Pinakothek der Moderne in München), der Kopf Erna, das Portrait Eberhard Grisebach (Städtisches Museum Jena) und die Alpenveilchen zu Weihnachten. In einem Interview am 3. Dezember 1964 datierte Frau O. Binswanger das Bild auf „Weihnachten 1917“. Gordon weist darauf hin, dass Kirchner dieses in einem Brief an Henry van de Velde vom 1. Februar 1918 erwähnt. Dargestellt ist ein Ausschnitt seines Aufenthaltes in Kreuzlingen: Das Stillleben mit Alpenveilchen auf seinem Tisch neben dem Krankenbett, der Hoffnungsstrahl blühenden Lebens für den geschlagenen Künstler.
Kirchner schreibt am 1. Dezember 1917 an Eberhard Grisebach: “Das große Geheimnis, das hinter allen Vorgängen und Dingen der Umwelt steht, wird manchmal schemenhaft sichtbar oder fühlbar, wenn wir mit einem Menschen reden, in einer Landschaft stehen, oder wenn Blumen oder Gegenstände plötzlich zu uns sprechen. Wir können es nie gestaltlich aussprechen, wir können es nur in Formen und Worten symbolisch geben. Denken Sie, ein Mensch sitzt uns gegenüber und wir sprechen miteinander, und plötzlich erscheint in dem Gespräch über seine eigenen Erlebnisse dieses Unfassbare, das man Geheimnis nennen könnte. Es verleiht seinen Zügen seine ureigenste Persönlichkeit und erhebt sie doch gleichzeitig über das Persönliche. Wenn es mir gelingt, mit ihm in dieser, ich möchte fast sagen Ekstase in Verbindung zu treten, kann ich sein Bild malen und doch ist dieses Bild, so nah es ihm selbst ist, eine Umschreibung des großen Geheimnisses, und es stellt im letzten Grunde nicht die einzelne Persönlichkeit dar, sondern ein Stück der in der Welt schwebenden Geistigkeit oder des Gefühls. Ich weiß nicht, ob ich mich verständlich ausdrücken kann. Es soll Ihnen das Beispiel nur zeigen, was ich unter dem Passiv verstehe. Die Möglichkeit, sich so weit zu entselbsten, daß man mit dem anderen diese Verbindung eingehen kann. Es kostet große Kämpfe, bis man dahin gelangt, doch auch diese vollziehen sich ohne eigenen Willen, gewissermaßen ohne eigenes Zutun unter der Bewusstseinsschwelle. Aus diesem Stadium mit irgendwelchen Mitteln, sei es durch Worte oder Farben oder Töne zu schaffen, ist Kunst. Oft kommt diese Verbindung erst in der Nachwirkung, manchmal nach Wochen und Monaten und erzeugt dann oft die stärksten Dinge, weil sich das Gefühl entmaterialisiert.“
Dazu Gordon: “Beiläufig sagen diese Worte die Auflehnung gegen revolutionäre Form voraus, welche die letzte, die Nachkriegsstufe deutscher expressionistischer Kunst und Denkweise kennzeichnen sollte. Sie weisen zurück auf die romantische Tradition von Novalis, der ‚aus dem tiefsten Naturgefühl heraus Prophet der Hintersinnlichen, des absolut Geistigen wurde’. Kirchners Brief ist auch eine höchst bündige Beschreibung, wie der Prozeß der Einfühlung oder Selbstidentifizierung mit einem anderen Menschen oder Gegenstand in der hermetischsten Periode von Kirchners Kunst, von 1914 bis etwa 1920, vor sich ging. Aber mehr als das enthüllt die Beschreibung in ihrem letzten Satz einen feinen Unterschied zwischen dem frühen Schweizer und dem Berliner Stil: ‚Entmaterialisierung des Gefühls’ wird jetzt höher bewertet als der emotionelle Drang, der die mit solch expressiver Unmittelbarkeit spontan ausgeführten Werke charakterisierte, wie man sie noch im Jahre zuvor fand. Auch wenn es im Anfang durch die ungelenk drängende Pinselführung der noch schmerzenden Hände verdeckt wird, findet der Schweizer Stil seine ‚Ekstase’ schon nicht mehr in der Inspiration des Augenblicks, sondern in sorgfältiger kontrollierter (aber dennoch weiterhin subjektiver) Vision. Das einzige Bild, das sich außer dem Grisebach-Portrait noch auf einen bestimmten Zeitpunkt im Jahre 1917 festlegen lässt, ist ‚Alpenveilchen zu Weihnachten’. Das Bild ist erstaunlich subtil in seiner düsteren Farbigkeit, relativ klar in seiner quasinaturalistischen Wiedergabe. Das reiche Wechselspiel kleiner gebogener und eckiger Formen verbindet es dennoch mit dem lebhaften Flächenmuster der anderen Kreuzlinger Werke.“1)
Anm.: 1) Zitiert nach: Donald Gordon, Kirchner, a.a.O. S. 118.
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