GALERIEKATALOGEKUENSTLERKATALOGELEISTUNGENNEWSLETTER


August Macke (1887 - 1914)

Verfügbare Arbeiten Biographie


August Macke
"Lesende Frau - Elisabeth"
Tuschfederzeichnung ; 1913
32,4 x 21,6 cm
Rückseitig von Elisabeth Erdmann-Macke „Lesende Frau“ betitelt und „1913“ datiert sowie mit dem Nachlassstempel und der Nummerierung „St 8/19“ versehen; auf den Unterlagekarton nochmals mit dem Nachlassstempel und der Nummerierung „St 8/19“ versehen, betitelt und datiert
Provenienz: Privatsammlung Norddeutschland
Ausst.: Galerie von der Heyde, Berlin 1934, Kat.-Nr. 50; „Aquarelle und Graphik Deutscher Expressionisten“, Graphisches Kabinett Wolfgang Werner KG, Bremen 1972, Kat.-Nr. 11, m. Abb.; „Zeichnungen“, Graphisches Kabinett Wolfgang Werner KG, Bremen 1984, Kat.-Nr. 30; „Kunst des 20. Jahrhunderts aus privaten Sammlungen im Lande Bremen“, Bremen 1985, Kat.-Nr. 82, m. Abb.
Werkverzeichnis der Zeichnungen von?Ursula Heiderich, Stuttgart 1993, Nr. 1672, Abb. S. 481


Das künstlerische Œuvre von August Macke zeichnet sich sowohl hinsichtlich der angewandten Techniken als auch in der Motivwahl durch eine große Vielfalt aus. Lebhafte Stadtszenerien wechseln sich mit einsamen Naturlandschaften ab. Behutsam arrangierte Stillleben finden sich neben bewegten Kompositionen von Menschengruppen oder posierenden Akten. Und immer wieder nehmen einfühlsame Bildnisse als Themenstellung einen bedeutenden Platz innerhalb des Kunstschaffens des rheinischen Malers und Zeichners ein.

Die Portraits von August Macke sind Ausdruck von Harmonie und Nähe. Der Künstler portraitiert ausschließlich Menschen, denen er sich durch verwandtschaftliche oder freundschaftliche Bande zugetan fühlt.1) Die hier vorliegende Tuschfederzeichnung aus dem Jahre 1913 zeigt eine in die Lektüre eines Schriftstückes vertiefte Frau – unverkennbar handelt es sich dabei um die 25-jährige Elisabeth Macke, die Gattin des Künstlers. Elisabeth ist über die Jahre hinweg August Mackes bevorzugtes Modell der Bildniszeichnungen. Denn zwei Dinge waren die bestimmenden Pole im Leben von August Macke: die Liebe zur Kunst und zu einer Frau. „[…] ich habe früher einmal gedacht, ich hätte die Kunst lieber wie Dich. Das ist nicht wahr. Ich ließe selbst die Kunst im Stiche, ich gäbe alles hin, alles was ich noch habe nur für Dich“2), fasst Macke 1905 seine tief empfundene Liebe zu seiner damaligen Verlobten Elisabeth Gerhardt in Worte, die er immer wieder auch als sein „zweites Ich“ und seine „Seele“ bezeichnet hat. Im Jahre 1903 haben sie sich in Bonn kennen gelernt, die Umstände des Zusammentreffens schreibt Macke freimütig an einen Freund nieder: „Hans, ich habe ein Glück: das ist unglaublich. Ich kann Dir das alles nicht beschreiben, muss also lakonisch reden. Weib gesehen, reine Zigeunerin, (ev.) Bruder, Oberprima, gesagt, er hätte fabelhaft interessantes Gesicht. (Ihn daher gezeichnet). So in erste Familien geschlichen“3), derart lautet der Beginn der glücklichen Verbindung. Im Jahre 1909 folgt die Heirat. Doch nur insgesamt elf gemeinsame Jahre sind ihnen beschieden, bevor Macke kurz nach Kriegsausbruch südlich von Perthesles-Hurlus in der Champagne fällt.

1904 entsteht die erste, in Kohle ausgeführte Zeichnung mit der Darstellung von Elisabeth, der fortan zahlreiche Arbeiten folgen sollten. Nicht in theatralischer Pose, sondern strickend, schreibend oder lesend zeigt August Macke seine Frau bei alltäglichen, häuslichen Aufgaben als stilles, in sich gekehrtes und in sich ruhendes Wesen.

In unserem Blatt ist die auf ihre Grundzüge reduzierte Figur in vehementer Strichführung umschrieben. Die zackigen, kantigen Linien des Oberkörpers und der Hand stehen im wechselseitigen Spannungsverhältnis zur Ebenmäßigkeit des Gesichtes. Die unterschiedlich breit gesetzten Schraffuren der Rohrfeder – ausgehend von zarten Linien bis hin zu kräftigen Balken - akzentuieren zudem die Gestalt. Besonderes Augenmerk liegt auf dem geneigten Haupt der jungen Frau, das von der für Elisabeth charakteristisch gescheitelten und zum Dutt zusammengebundenen Haarpracht gerahmt wird. Mit gesenktem, nach innen gerichtetem Blick wirkt die Lesende aufmerksam und entspannt zugleich. Vertrautheit und Verbundenheit zwischen Modell und Künstler sprechen aus dieser Arbeit. Während Macke in anderen Bildnissen auch das Raumgefüge thematisiert und dabei die Figur in Kontext zu der sie umgebenden Umwelt setzt, bleibt in dieser Tuschfederzeichnung der Hintergrund undefiniert. Macke verzichtet vollkommen auf schmückendes Beiwerk und konzentriert sich gänzlich auf die Darstellung der lesenden Person und schafft damit ein weiteres prägnantes Beispiel für seine einfühlsamen, innigen Bildniszeichnungen.

Anm.:
1) Vgl. Volker Adolphs, „Elisabeth“ in: Andrea Firmenich, „August Macke – Aquarelle und Zeichnungen“, Emden 1992, S. 22 ff.
2) August Macke zitiert in: Astrid von Friesen, „August Macke: ein Maler-Leben“, Hamburg 1989, S. 9.
3) August Macke in einem Brief an seinen Freund Hans Thuar, Dezember 1903, zitiert ebenda, S. 11.



Falls Sie weiterführende Informationen zum Künstler oder Bildmaterial der abgebildeten oder weiterer verfügbarer Arbeiten benötigen sollten, senden Sie uns bitte eine Email an: mail@ludorff.com


© VG Bildkunst, Bonn