© VG Bildkunst, Bonn
Leben:
Egon Leo Adolf Schiele wurde am 12. Juni 1890 in Tulln an der Donau geboren. Er wächst mit zwei älteren Schwestern (Melanie und Elvira) und einer jüngeren (Gertrude) auf.
Seine Mutter hatte zu diesem Zeitpunkt bereits drei männliche Totgeburten gehabt. Im Alter von drei Jahren verliert Schiele seine zehnjährige Schwester Elvira. Die Kindersterblichkeit der damaligen Zeit wird sein späteres Werk prägen.
1900 besucht er das Realgymnasium in Krems. Er ist ein schlechter Schüler, flüchtet sich fortwährend in Zeichnungen, die sein Vater verbrennt. 1902 kommt Schiele in das Landes-Real- und Obergymnasium in Klosterneuberg.
Die Kindheit Schieles ist nicht leicht: Sein Vater, der Bahnhofvorsteher Adolf Eugen Schiele, leidet an Syphillis, die er sich auf der Hochzeitsreise bei zahlreichen Bordellbesuchen geholt haben soll. Mit dieser Krankheit hat er dann seine Frau angesteckt. Der Vater wurde frühzeitig pensioniert und sass dann im Zustande geistiger Verwirrung in seiner Dienstuniform zu Hause. 1904, als er bereits unter zunehmender Lähmung leidet, versucht er, sich aus dem Fenster zu werfen. Im folgenden Jahr stirbt er am Neujahrstag. Da er seine Eisenbahnaktien in einem Anfall von Wahnsinn verbrannt hat, hinterlässt er seine Familie vollkommen mittellos. Schieles Onkel Leopold Czihaczek übernimmt die Vormundschaft über den fünfzehnjährigen Egon.
Schiele hatte offenbar sehr an seinem Vater, der übrigens auch Zeichentalent besaß, gehangen. Jedenfalls hat er den Tod des Vaters nicht verkraftet und immer wieder Visionen von ihm auferstehen lassen.
Das Verhältnis zu seiner Mutter war von Distanz und Unverständnis geprägt, sie erwartete in ihrer Armut, dass der Sohn für den Familienunterhalt aufkommt.
In dieser schwierigen Zeit lernt Schiele den Maler Karl Ludwig Strauch (1875 - 1959) kennen, der dem begabten Jungen Zeichenunterreicht geben wird. Auch der Künstler Max Kahrer nahm sich des jungen Schiele an. 1906 beginnt der an der Akademie der Bildenden Künste in Wien zu studieren, nachdem er auf Anhieb die Aufnahmeprüfung bestanden hat.
Bereits im Jahre 1907 schließt er Freundschaft mit Gustav Klimt, dem Begründer der Wiener Secession. Klimt wird für Egon Schiele zu einer Vaterfigur und unterstützt dessen geniales Talent zeitlebens großzügig. Schieles frühe Werke sind stark geprägt von der Wiener Secession und dem Impressionismus.
1908 nimmt Schiele das erste mal an einer öffentlichen Ausstellung im Kaisersaal des Stifts Klosterneuberg teil. Im Jahre 1909 stellt er neben Vincent van Gogh, Edvard Munch und Oskar Kokoschka vier Arbeiten auf der "Internationalen Kunstschau Wien 1909" aus. Er verläßt zudem die Akademie aufgrund von heftigen Konflikten mit seinem Lehrer. Mit gleichgesinnten Künstlern gründet Schiele die "Neukunstgruppe", das Konzept dieser Gruppe ist ihr Gegensatz. In diesem Jahr kommt es zur großen künstlerischen Wende. Schiele beginnt die herkömmlichen Wertbegriffe des Katholizismus auf den Kopf und in den Dienst der Sexualität zu stellen. Er will schockieren. In dem Bild mit dem Titel "Die rote Hostie" liegt Schiele in einem orangefarbenen Hemd mit nacktem Unterleib auf dem Rücken, seine gespreizten Beine verraten die Geste weiblicher Hingebung, vor ihm hält, dem Betrachter dabei anschauen, eine rotblonde nackte Frau den riesigen Phallus.
Andere Bilder zeigen Mönche, die Nonnen lieben und auch die von der strengen Wiener Gesellschaft gern verstoßenen, unwillkommenen Schwangeren. Schiele malte auch homosexuelle Paare und überschreitet Tabus, reizt die Fantasie seiner zeitgenössischen Betrachter. 1909 lernt er auch Josef Hoffmann von der Wiener Werkstätte kennen. Bereits im Dezember findet die erste Ausstellung der Neukunstgruppe statt. Noch in diesem Jahr lernt er weitere Persönlichkeiten der Wiener Kunstszene kennen und begann sie zu protraitieren. In den folgenden Jahren wird er auch expressionistische Gedichte schreiben.
Egon Schiele findet seine Modelle auf der Straße, es handelt sich um junge Mädchen aus dem Proletariat und auch um Prostituierte. Bei seiner Wahl bevorzugt er androgyne Kindfrauen. Seine Modelle haben allesamt dünne, hagere Körper, was ihre Zugehörigkeit zu den unteren Klassen kennzeichnet. Die jungen, mageren Körper auf Schieles Zeichnungen erregen fast Mitleid. Rote Flecken bedecken die dünne Haut und die knochigen Hände. Die Modelle sind sich trotz des jungen Alters ihrer erotischen Ausstrahlung durchaus bewusst und setzen diese geschickt in Szene: Die masturbierende Geste der Hand auf der Scheide wird vom herausfordernden Blick des Modells begleitet. Schieles Zeichnungen zeugen von einem einfachen Körperbewusstsein und auch von der Selbstverständlichkeit, mit der die Unterschicht mit der Sexualität umgeht. Dies steht im krassen Gegensatz zu den hygienischen Verboten der oberen Klassen, sich zum Beispiel beim beim Waschen des Unterkörpers nicht allzu lange aufzuhalten oder sich nicht nackend den Blicken von anderen Menschen auszusetzen. Die Wiener Gesellschaft ereiferte sich empört gegen Schiele, er male die äußerste Verworfenheit, das letzte Laster. Schiele benutzt dieses Aufsehen um Reklame für seinen verbotenen Zeichnungen zumachen. In einem Brief zitiert er bspw. fünf namhafte Zeitungen, die von ihm sprechen. Schiele hatte damit den "schönen Kult" der organischen Jugendstilornamentik gebrochen. Auf radikale Weise entkleidet er die Menschen jeglichen dekorativen Beiwerks und konzentriert sich allein auf den Körper. Hierbei bringt er den erotisierten Körper ins Spiel.
1910 erhält Schiele durch einen befreundeten Gynäkologen die Möglichkeit, in der Universitätsklinik zu zeichnen. Der Künstler setzt sich zeichnerisch und malerisch mit Schwangeren und Neugeborenen auseinander, wie es niemand bisher gewagt hat. Eine stumpf blickende Frau, deren geschwollener Leib sich wie Ballast in den Bildvordergrund drängt. Ein Säugling, nackt, ohne Bezug zum Raum oder einer Person, verkrampft und verletzlich dem Zentrum des Bildes ausgeliefert. Es entstanden Bilder, aus denen sich dem Betrachter das Alleinsein in der Welt, die Nacktheit des Menschen desillusionierend entgegendrängen. Gnadenlos demontiert Schiele die traditionellen Idealbilder.
1911 hat Schiele seine erste Einzelausstellung in Wien. In diesem Jahr wird er in die Münchener Künstlervereinigung "Sema" aufgenommen. Schiele findet zu seinem eigenem Stil, nämlich einem Expressionismus, der von einer umunwundenen Direktheit geprägt ist und häufig eine depressive Grundstimmung beinhaltet.
Schiele zieht mit seiner Lebensgefährtin ins böhmische Krumau (heute: Ceský Krumlov), die Heimatstadt seiner Mutter.
Die wilde Ehe mit seiner Lebensgefährtin und seine Aktdarstellungen junger Mädchen aber stoßen bei der Bevölkerung auf Ablehnung. Später soll es zu einem Prozess kommen, bei dem der Richter eines seiner Werke verbrennt (s.u.). Er sieht sich gezwungen, kurz darauf nach Neulengbach bei Wien umzuziehen. Im Jahre 1912 kann man seine Werke auf zahlreichen Ausstellung sehen, u.a. vom Blauen Reiter und der Wiener Secession. Im April desselben Jahres wird er wegen Verdachts auf Entführung einer Minderjährigen verhaftet. Die angebliche Kindesentführung klärte sich rasch auf: Es handelte sich um ein Mädchen aus Wien, das dem Maler auf eigene Faust nach Neulengbach nachgereist war. Weil aber Kinder in seinem Atelier Aktstudien zu Gesicht bekamen, wird Schiele zu drei Tagen Arrest wegen ungenügender Verwahrung erotischer Akte verurteilt, der mit der verbüßten Untersuchungshaft aber bereits abgegolten ist. Durch die Untersuchungshaft hat er insgesamt 24 Tage im Gefängnis verbracht. In der Verhandlung wird - vollkommen unglaublich - ein Bild von ihm öffentlich durch den Richter über einer Kerzenflamme verbrannt.
1911 hat Schiele seine erste Einzelausstellung in Wien. In diesem Jahr wird er in die Münchener Künstlervereinigung "Sema" aufgenommen. Schiele findet zu seinem eigenem Stil, nämlich einem Expressionismus, der von einer umunwundenen Direktheit geprägt ist und häufig eine depressive Grundstimmung beinhaltet.
Nachdem er sich von seiner Lebensgefährtin getrennt hat, heiratet er 1915 Edith Harms. Das Glück der beiden wird allerdings nicht von langer Dauer sein.
Er wird zum Militär einberufen. Seinen Dienst leistet er in Wiener Dienststellen und später im heeresgeschichtlichen Museum ab. Es folgen 1917 zahlreiche Ausstellungen in Europa. Als im Februar 1918 sein Mentor und Freund, der Wiener Secessionist Gustav Klimt stirbt, besucht er ihn erschüttert an seinem Totenbett und zeichnet ihn ein letztes Mal.
Die 49. Ausstellung der "Wiener Secession" im Jahre 1918 ist Schiele und seinen Künstlerfreunden gewidmet. Sie bringt künstlerisch und materiell den ersten großen Erfolg. In dieser letzten Schaffenszeit mäßigt sich seine Expressivität im zeichnerischen Duktus und in der Farbverwendung. Eine dem Naturvorbild sich annähernde Gestaltung zeichnet sich ab. Schieles Frau stirbt am 28.10.1918 an der Spanischen Grippe. Vor ihrem Tod hat Schiele seine Frau noch im Sterben liegend gemalt. Schiele folgt ihr drei Tage später am 31.10.1918. Als hätte er sein frühes Ende vorausgesehen, hat Egon Schiele im Jahr 1918 vor seiner Erkrankung ein Mausoleum für sich und seine Frau entworfen.
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