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Lesser Ury (1861 - 1931)

Verfügbare Arbeiten Biographie


Lesser Ury
"Unter den Linden mit Blick auf das Brandenburger Tor"
Pastell und Tuschfeder auf Malkarton, 1920er Jahre
34,9 x 49,5 cm
Signiert
Provenienz: Max Meyer, Berlin, während der Zeit der Weimarer Republik direkt vom Künstler erworben; Familie Richard Meyer, Berlin/später USA; Mitchell-Innes & Nash, New York; Privatsammlung Berlin
Expertise: Dr. Sibylle Groß, Berlin
Ausstellung: Tel Aviv Museum of Art, 1937
Aufgenommen in das in Vorbereitung befindliche Werkverzeichnis der Gemälde, Pastelle, Gouachen und Aquarelle von Dr. Sibylle Groß

Lesser Ury, einer der bedeutendsten Wegbereiter des deutschen Impressionismus, findet bereits frühzeitig zu der für ihn so bezeichnenden Bildthematik: Die Anfänge der Großstadtbilder von Ury datieren aus seiner Pariser Zeit, aus den frühen achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts. Hier entdeckt er für sich die französische Farb- und Freiluftmalerei. Dennoch ist es eine andere europäische Stadt, deren sich wandelndes urbanes Gesicht prägend für ihn ist und die zum Kernstück seines künstlerischen Schaffens avanciert - Berlin. Nach der Rückkehr in die Spreemetropole 1887 mietet sich Lesser Ury mitten im Zentrum der Stadt, zunächst in der Lützowstraße und später am Nollendorfplatz, ein Atelier. Schon beim Blick aus dem Fenster eröffnet sich ihm das bunte städtische Treiben in seiner ganzen Pracht. Immer wieder zieht der Künstler bei Tag und Nacht als aufmerksamer und stiller Beobachter durch die Straßen, Lokalitäten und zentralen Plätze der quirligen Hauptstadt, wobei ihn einfachste Lichtreflexe in eine schöpferische Ekstase versetzen können. Er, der selbst ein kontaktscheuer und wenig geselliger Mensch ist, wird zum Schilderer des pulsierenden, lebhaften Großstadtrhythmus von Berlin und verschreibt sich dieser Thematik nahezu sein gesamtes Œuvre hindurch.

In unserem Pastell „Unter den Linden mit Blick auf das Brandenburger Tor“ aus den zwanziger Jahren fängt Ury eine Berliner Straßenszene in ganz exponierter Lage ein. Mitten im Herzen der Stadt beobachtet er den Trubel auf der baumbestandenen Chaussee „Unter den Linden“. Im Hintergrund fällt der Blick auf die imposante Silhouette des Brandenburger Tors, unverkennbar bekrönt von der Quadriga. Seit Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt sich die Straße zu einer Prachtmeile; Wohn- und Geschäftshäuser, Cafés und Restaurants machen die Gegend für Besucher zunehmend attraktiv. Zudem bietet auch das 1907 eröffnete Hotel Adlon, dass seine Pforten nicht nur für Übernachtungsgäste öffnet, sondern auch über Spielzimmer, Rauchersalons oder Cafés verfügt, Raum für private Treffen, Festivitäten und Empfänge zu jeder Tages- und Nachtzeit. Und so verwundert es nicht, dass die Straße von parkenden Automobilen gesäumt ist, denen die Fahrgäste entspringen. Entlang der Häuserfront bevölkern sie zahlreich mit aufgespannten Regenschirmen den Gehweg. Goldfarben glänzt das Pflaster von Straße und Bürgersteig. Denn immer noch fällt Niederschlag aus den vorüberziehenden grauen Regenwolken, jedoch bricht sich bereits die Sonne wieder ihre Bahn und taucht die Szene in ein wechselvolles, schillerndes Farbenspiel.

Die Verwendung der Farbe und deren Auftrag sind die bestimmenden gestalterischen Elemente der Kunst Lesser Urys. Stellenweise verwischt Ury die Farben, wodurch er eine formauf-lösende Wirkung erzielt. Insbesondere die Figuren in der linken Bildhälfte werden jedoch durch scharfe Konturen begrenzt. Hierdurch gelingt Ury eine Vision der Wirklichkeit, die das Gesehene übersteigert. Das Strömen, der Fluss der allumfassenden Energien wird geradezu fassbar, durchdringt alles Stoffliche und Immaterielle und versetzt alles in Bewegung. Aus Urys Arbeiten spricht eine unbändige Dynamik, vollzieht sich ein permanentes Kommen und Gehen: Schon in wenigen Sekunden sind die Passanten aus dem Blickwinkel verschwunden, brausen die Automobile von dannen, treffen neue Kraftwagen mit Fahrgästen ein. Trotz dieser Flüchtigkeit des Momentes, der sich jedoch in etwas gewandelter Konstellation immer wieder aufs Neue vollzieht, bündelt Ury die visuellen Eindrücke zu einem charakteristischen und allgemeingültigen Bild der pulsierenden Großstadt der goldenen zwanziger Jahre.



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