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Kinder in der Kunst
10. September - 5. November 2006

 

Drei Dinge sind uns aus dem Paradies geblieben: die Sterne der Nacht, die Blumen des Tages und die Augen der Kinder. Dante Alighieri (1265-1321)

Die Sicht auf die Kinder und deren Wahrnehmung als eigenständige Persön-lichkeiten hat sich im Laufe der Jahrhunderte im Zuge der gesellschaftlichen Veränderungen gewandelt.

Im Mittelalter werden Kinder in der Kunst als kleine Erwachsene gemalt. Eine eigene künstlerische Bezeichnung für den heranwachsenden Menschen gibt es nicht. Erst die Romantik schafft einen Begriff, der die Differenz zwischen Er-wachsenem und Kind beschreibt: Kindheit. Dieser Aspekt wird in den Kinder-darstellungen des 19. Jahrhunderts in weitgehend heiteren Szenen, in der Na-tur oder in der dörflichen und bürgerlichen Gemeinschaft thematisiert und künstlerisch weitergeführt. Dem Kinde empfindsam zugewandt, bekunden die Bilder eine ausgesprochen erzählende Motivation. Ein Repräsentant dieser Epo-che und des frühen 20. Jahrhunderts ist Max Liebermann, dessen Kinderdar-stellungen sich zwischen Realität und Empfindung bewegen. Besonders auf seine Tochter und später seine Enkelin setzt Liebermann sein Hauptaugen-merk, wie es unser Pastell „Kleiner Lockenkopf“ bezeugt. Mit leichtem Duktus hält Liebermann seine Enkelin in zarten Pastelltönen fest. Auch die beiden Künstler Lovis Corinth in der Zeichnung „Wilhelmine mit Schaukelpferd“ und August Macke in der Arbeit „Kinder mit Schaukelpferd“ portraitieren ihre Sprösslinge. In den Bildern begegnen uns glückliche, spielende Kinder, die eine unaufgeregte Zufriedenheit und Alltagsnormalität ausstrahlen.

Neben Pablo Picasso gehört die Worpsweder Künstlerin Paula Modersohn-Becker zu den großen Kindermalern des beginnenden 20. Jahrhunderts. In den Waisen des Armenhauses und den ärmlichen Dorfkindern findet Modersohn-Becker ihre Modelle. Unser Temperabild zeigt in erdigen, warmen Farben drei in die typische Worpsweder Landschaft eingebettete Kinder. In diesen Kindern begegnet man scheuen Wesen ohne Liebreiz und Koketterie. Sie sind frei von allem Sentimentalen, allem Verspielten oder Anekdotischen und zeigen eine ernsthafte und ungeschönte Wahrnehmung. Damit hebt sich die junge Künstle-rin deutlich von den Kinderbildnissen des ausgehenden 19. und den Anfängen des 20. Jahrhunderts ab.

Parallel lässt sich der plötzliche Ernst in den Darstellungen der Kinder im 20. Jahrhundert spüren. Der Erste Weltkrieg und das Leid der Nachkriegszeit neh-men der Kindheit ihre Unschuld. Das daraus resultierende Elend und die soziale und politische Lage der Gesellschaft spiegeln sich in den Kinderbildnissen der 1920er Jahre wider. Alltagsnormalität bedeutet für viele Kinder der Zwischen-kriegsjahre nichts Gutes. Insbesondere im Werk von Käthe Kollwitz findet sich jener Aspekt: „Ich will wirken in dieser Zeit“,1) verkündet sie. In anklagenden Schilderungen des armen und vernachlässigten Kindes, der Mutter und Familie bringt sie ihre sozialkritische Haltung zum Ausdruck, ohne den Wesen dabei ihre Würde zu nehmen. Durch ihr erfolgreiches graphisches Schaffen nimmt Käthe Kollwitz eine primäre Position unter den zeitgenössischen Künstlern der 20er und 30er Jahren ein, die sich mit Kinderbildnissen auseinandersetzen. Im kleineren Umfang beschäftigt sich die Künstlerin mit dieser Thematik auch in der Bildhauerei, der sie sich ab 1910 widmet. Ein weiterer Künstler jener Zeit ist Heinrich Zille, der in seinen zahllosen Milieustudien das Kinderleben im Großstadtgewirr Berlins einfängt - dies wohl zugleich aus menschlicher Anteil-nahme wie künstlerischer Freude an der kindlichen Erscheinung. Als einzelne Figuren oder in kleinen Gruppen erfasst, finden diese Zeichnungen eine künst-lerische Ausgewogenheit. Oft mit einem Text versehen, bringt Zille uns den Alltag „seiner Berliner Gören“ nahe. Dazu im Gegensatz steht unser Portrait „Sinnendes Mädchen“ des Künstlers Carl Hofer. In gedämpften Tönen portrai-tiert der Maler das junge Mädchen. Sein Bild strahlt eine nachdenkliche Ruhe aus. Kreisen die Gedanken des jungen Mädchens um seine Zukunft und die belastende Zeit kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs?

Auch aus dem Kreis der Berliner Kunstszene kommend, zeigt uns Reneé Sinte-nis in feingliedrigen Plastiken ihre Sicht des Kindes. Die schlanken Knabensta-tuetten aus den 50er Jahren „Sitzender Knabe mit Schalmei“, „Flötenspieler“ und „Junge mit Panflöte“ könnten sich in eine imaginäre pastorale Landschaft eingliedern, in der Mensch und Tier friedlich neben- und miteinander leben.

Zum Ende der 50er Jahre hin hat Max Ernst seine Auffassung der Kind- und Mutterbeziehung in Bronze festgehalten. In abstrakten Formen gegossen, kommen die Figuren aus dem Fantasiekosmos des Künstlers, den er sich paral-lel zu unserer realen Welt erschaffen hat.

Mit Anwendung verschiedener Kunsttechniken und mit unterschiedlichen Kunstauffassungen werfen ebenfalls die Künstler Lyonel Feininger, Erich He-ckel, Otto Pankok und Wilhelm Lehmbruck einen Blick auf die Kinder dieser Welt und runden somit den Kreis unserer Ausstellung ab.

Alle unsere gezeigten Künstler haben, von einer besonderen humanitären und intellektuellen Hinterfragung geprägt, auf ihre Art und Weise die Darstellung des Kindes in der Kunst festgehalten. Gleich, ob es sich um gemalte, graphi-sche oder plastische Werke handelt, stets sind die Werke von einer bezeich-nenden Eigenständigkeit und Charakteristika der Anschauung getragen.

Anm.: 1) Zitiert in: Christa Murken „Kinder zwischen Geborgenheit und großer Not – Die 20er und 30er Jahre“, S. 42-51, in: Christa Murken (Hg.), „Kinder des 20. Jahrhunderts“, Galerie der Stadt Aschaffenburg, 9. April bis 12. Juni 2000, Köln 2000, S. 46. Link zur Ausstellung


Für weitere Informationen und Bildmaterial zur Ausstellung stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung. Bitte senden Sie uns eine Email an:

mail@ludorff.com





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