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Wege der Abstraktion
15. September 2007 bis 5. Januar 2008
 

„Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar.“ Paul Klee Europa zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Es herrscht eine Um- und Aufbruchstimmung unter den Künstlern. Verschiedene Kunstrichtungen, die sich mit den unterschiedlichsten Ansätzen dem Gedankengut der Abstraktion nähern und diesem gestalterisch Ausdruck verleihen, sind im Entstehen begriffen. Die Maler versuchen nun die Gegenstände nicht so abzubilden, wie sie sie sehen, sondern wie sie vor ihrem inneren Auge erscheinen. Sie brechen das Motiv auf und ergänzen es durch Erlebtes, wodurch sich verschiedene Ansichten und Realitätsebenen ergeben. Die erste Phase der Entwicklung zur Abstraktion geht zurück bis auf William Turner, der die Farbe aus ihrer gegenstandsbezogenen Funktion befreit. Es folgen die Impressionisten und um 1910 leitet Wassily Kandinsky mit seinem Lehrbuch „Über das Geistige in der Kunst“ die abstrakte Kunst ein und verhilft ihr zum Durchbruch.

In unserer Ausstellung wird eine Vielzahl ganz unterschiedlicher Wege nachgezeichnet, auf denen sich bedeutende Künstler des 20. und 21. Jahrhunderts dem Thema der Abstraktion genähert haben. Das Hauptaugenmerk der Ausstellung liegt auf den Entwicklungen in der Malerei. Dennoch verdeutlichen ausgewählte plastische Arbeiten von Ewald Mataré, Max Ernst, Henry Moore, George Rickey und von Martin und Brigitte Matschinsky-Denninghoff die große Bedeutung, die die Skulptur im Rahmen dieser Entwicklungen gespielt hat.

Aus der frühen Phase der malerischen Abstraktion sei Kandinskys Landsmann sowie Mitstreiter in der Künstler- vereinigung der „Blaue Reiter“, Alexej von Jawlensky, genannt. Zu bewundern sind aus der Genfer Exilzeit des Künstlers zwei Variationen, die die Loslösung von der traditionellen Landschaftsmalerei und eine persönliche Sicht der erlebten Natur wiedergeben. In Ergänzung dazu sind zwei Bildnisse zu sehen. Auch hier findet eine zunehmende Vereinfachung statt, hin zu einer „Urform“ mit meditativem, religiösem Charakter. Der Maler Christian Rohlfs, der in seiner Münchener Zeit Kontakt zu Jawlensky und anderen Künstlern pflegt, gelangt zu sehr unterschiedlichen Ausdrucksmöglichkeiten. Von der realistischen, dann impressionistischen Manier erreicht er schließlich in den zwanziger Jahren einen reifen Altersstil, welcher mit dem Bild „Magnolie“ in der Ausstellung dokumentiert ist. Es dominiert ein feinsinniges, in vielfältigen Farbbrechungen fast monochrom wirkendes Blütengebilde, welches eine immaterielle Strahlkraft des Lichts erreicht. Bei Rohlfs geht das Naturerlebnis über den Eindruck des optisch Erfahrbaren und

Gesehenen weit hinaus. Die Darstellung wird zum Spiegelbild eines höchst sensiblen Empfindens. Der deutschstämmige Künstler Lyonel Feininger, der 1913 in München mit dem „Blauen Reiter“ ausstellt, deutet in seinen Aquarellen die Sehnsucht nach der Endlosigkeit an. Seine Bildarchitekturen der Segelschiffe bestechen durch die Transparenz der Aquarellfarben, die geometrisierenden Abstrahierungen und kubistischen Zersplitterungen.

Mit zwei Werken aus ihrem späten Œuvre ist die russische Künstlerin Sonia Delaunay-Terk, die 1910 den Maler Robert Delaunay heiratet, vertreten. Ab 1914 entwickelt sie mit ihrem Ehemann den Orphismus, eine vom Kubismus ausgehende Variante der abstrakten Malerei in rhythmischen Farbakkorden. Durch ihren bedeutenden Beitrag zur Entwicklung einer abstrakten Malerei ist sie noch heute nicht nur als eine der ersten weiblichen Vertreterinnen, sondern vielmehr als bedeutende Wegbereiterin dieser neuen Kunstrichtung angesehen.

Kurt Schwitters, der mit den Dadaisten in Kontakt steht, verarbeitet deren rebellische Ideen in seinem Werk. Er ändert daraufhin seine Auffassung von der Kunst grundlegend und gibt die Malerei auf, da sie nicht passend für die Verwirklichung seiner Vorstellungen ist und widmet sich nun der Collagetechnik. Für seine Bilder verwendet er die verschiedensten Materialien, die er in Collagen zusammenklebt. Hieraus entstehen seine Merz-Bilder, die als Symbol für die Befreiung und Autonomie in der Kunst stehen.

Mit diversen Bronzearbeiten ist der rheinische Künstler Ewald Mataré vertreten, dessen Auseinandersetzung mit der Tier- plastik in bemerkenswerter Produktivität sein gesamtes bildhauerisches Schaffen durchzieht. Er konzentriert sich auf wenige Tierarten, insbesondere auf die Kuh, von denen in unserer Ausstellung einige der wichtigsten Ausführungen gezeigt werden. Mit einem eindrucksvollen Willen zu unbedingter formaler Klarheit nimmt Mataré einen wichtigen Platz in der Klassischen Moderne ein.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 setzt ein dunkles Kapitel in der europäischen Kunstgeschichte ein. Die Kunst wird instrumentalisiert und einer naturalistischen, heroisierenden Darstellungsweise unterworfen. Zahlreiche namhafte Künstler werden in Deutschland verfemt und mit einem Ausstellungsverbot belegt. Sie gehen in die innere Emigration oder flüchten ins Exil. Einige bedeutende Künstler sterben gar unter dem Naziregime oder an der Front. Obwohl nahezu die gesamte kulturelle Infrastruktur brachliegt, entwickelt sich auch weiterhin ein abstraktes Formenrepertoire, wenn auch nur im Verborgenen und unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Erst nach 1945 wird dieses seine Bedeutsamkeit entfalten können, wird eine Rückbesinnung möglich.

Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges ist die Sehnsucht nach einem Neuanfang im Leben wie auch in der Kunst groß. Die bildenden Künstler befinden sich auf der Suche nach einer neuen, dem Zeitgeist entsprechenden Ausdrucksform, die möglichst weit von den ideologisch überladenen Ausdrucksformen der von den Nazis protegierten Kunst entfernt sein soll. Viele finden dies in der Abstraktion, die sich von nun an rund um den Globus zu einer Art Weltsprache zwischen den Künstlern entwickelt und sich einer vorher nie dagewesenen internationalen Anerkennung erfreut.

Während in der DDR mit Beginn der fünfziger Jahre eine realistische Malweise unter dem Schlagwort des Sozialistischen Realismus von Staat und Partei indoktriniert wird, sucht man in Westdeutschland Anschluss an die Moderne. Wichtige Impulse für die Nachkriegsabstraktion in Europa und Deutschland kommen aus den Vereinigten Staaten von Amerika.

Einer der führenden abstrakt arbeitenden Künstler ist dort der aus dem Rheinland stammende Josef Albers, der ausgehend von seiner Ausbildung am Bauhaus in Weimar und Dessau nun in den USA eine immer rigorosere, abstrakte Formensprache entwi-ckelt. Im Rahmen der Serie „Homage to the Square“ widmet sich Albers von nun an ausschließlich der Analyse der Wirkung von Farben und Flächen aufeinander. Seine bedeutenden Erkentnisse gibt er während seiner intensiven Lehrtätigkeit an eine ganze Generation von amerikanischen Nachwuchskünstlern weiter. Obwohl die Vereinigten Staaten von Amerika in der internationalen Kunstszene immer stärker an Bedeutung hinzugewinnen, ist Paris nach wie vor das unbestrittene künstlerische Zentrum. Hier lebt und arbeitet der gebürtige Russe Serge Poliakoff, der sich Ende der dreißiger Jahre der abstrakten Malerei zuwendet. Diese zeichnet sich durch einfache, großflächig gegeneinander abgegrenzte Formen in einer von Sonja und Robert Delaunay beeinflussten starken Farbigkeit aus. Poliakoff gehört neben zahlreichen anderen französischen und ausländischen Künstlern der losen Verbindung der „École de Paris“ an, die für die deutsche Kunstszene von entscheidendem Einfluss ist. Auch der seit Mitte der vierziger Jahre in den USA aufkommende Abstrakte Expressionismus, der Impulse des Surrealismus aufgreift, wird in Westdeutschland interessiert verfolgt, zumal die USA diese Entwicklung im Jahre 1948 mittels einer Ausstellungstournee unter dem Titel „Gegenstandslose Kunst in Amerika“ in den alliierten Besatzungszonen massiv fördert. Weniger als grundlegender Neuanfang, sondern als Wiederbelebung und Weiterverarbei-tung der Vorkriegsmoderne vollzieht sich somit das künstlerische Schaffen nach 1945, das Kontinuität und Novität in sich vereint.

Befinden sich zunächst noch die Künstler, die in Deutschland abstrakt arbeiten, in der Minderheit, so ist doch die Tendenz zur Abstraktion groß. Die Vergangenheit, der Nationalsozialismus, der Krieg und die Nachkriegsprobleme werden nicht länger thematisiert. Der Blick ist nach vorn bzw. ins Innere gerichtet, hier finden sich gedankliche Gegenwelten, die allein der subjektiven Befindlichkeit gehorchen, das Moment der Intuition betonen und an keine Reglementierung gebunden sind. Der Weg in die Abstraktion, die als ein adäquates Ausdrucksmittel der eigenen freiheitlichen, politischen Ordnung begriffen wird und sich nicht dazu missbrauchen lässt, politische Aussagen und Inhalte zu transportieren, ist für viele Künstler ein intuitiver bzw. stringenter Akt der Befreiung. Die abstrakte Kunst symbolisiert in jener Zeit des politischen Neubeginns nach dem zweiten Weltkrieg „freie“ Kunst, ja man sah sie sogar als Verkörperung von Freiheit per se. Dieses Eintreten für die absolute künstlerische Freiheit eröffnet einen weiten gestalterischen Freiraum und führt zu einer Vielzahl an Strömungen und Richtungen, zu zahlreichen individuellen künstlerischen Handschriften, die sich unter anderem in einer informell-gestischen, gegenstandlosen oder geometrisierten Kunst äußern.

Willi Baumeister, der in seinem bildnerischen Denken Paul Klee nahe steht, ist zu jener Zeit der bekannteste deutsche Abstrakte. Schon vor dem Krieg und während der inneren Emigration sucht er die geheimnisvollen, unbekannten Dinge in Gestalt abstrakter Formen zu offenbaren und findet zu einer hieroglyphischen Bildsprache. Neben Baumeister sind es vor allem Ernst Wilhelm Nay und Fritz Winter, die den Vormarsch der abstrakten Kunst in Europa mitbegründen und maßgeblich beeinflussen. Nay, der die Farbe nicht mehr nur als Ausdrucksmittel, sondern als autonome Bildgestalt begreift, ist zudem der erste deutsche abstrakte Maler, der nach 1945 internationale Anerkennung findet.

Zu den Informellen der ersten Stunde zählt Karl Otto Götz, der mit seiner surrealistischen, expressiv-gestischen Zeichensprache in Sekundenschnelle amorphe Strukturen auf das Papier zaubert.

Ein weiterer wichtiger Vertreter der Art informell ist Emil Schumacher, der sich von in der Natur vorgefundenen Dingen inspirieren lässt, denen er dann in freier Improvisation einen autonomen Charakter gibt. In ganz unterschiedlichen Materialien schürft und erarbeitet sich der Künstler in langwierigen Prozessen des Schaffens und der Reflexion ganz wunderbare Zeugnisse einer abstrakten Welt, die ohne abbilden zu wollen doch einige Erkenntnisse offenbaren.

Bei Fred Thieler, der die Tragfähigkeit jeglicher Theorien und Ideologien sowohl im Leben als auch in der Kunst negiert, avanciert der dynamischer Malprozess zum ausschließlichen Thema des künstlerischen Wirkens. Im Gegensatz zu dieser gestischen Herangehensweise stehen die Arbeiten von Georg Meistermann, die in mythologischer Strahlkraft eine Welt im Wandel vorführen. Nicht nur in Deutschland entwickelt sich ein Beitrag zur Weltsprache der Abstraktion. Auch in Italien findet Marino Marini in den fünfziger Jahren zu seinen formreduzierten, geometrisierten Reiterdarstellungen und schafft damit den Durchbruch auf dem internationalen Parkett.

Dass die Abstraktion auch in den folgenden Jahrzehnten bis hinein in die Gegenwart für die Künstler von großer Relevanz ist, zeigen Werke der jüngsten Vergangenheit von Günther Uecker, Imi Knoebel, Gerhard Richter, Michael van Ofen und Jerry Zeniuk. Auch hier offenbart sich jeweils ein ganz unterschiedlicher Gestaltungswille, der jedoch die fortwährende Aktualität und das große Potential abstrakten Arbeitens unterstreicht. Gerhard Richter, der in seinen abstrakten Werken die Widersprüchlichkeit und das Geheimnisvolle der Welt aufgreift, weist bei der Entstehung seiner dynamischen Strukturen und sich durchdringenden Farbverläufe der Komponente des Zufalls eine entscheidende Rolle bei. Günther Uecker legt seinen Aschebildern ein konkretes historisches Ereignis - den Reaktorunfall von Tschernobyl - zu Grunde, wohingegen Jerry Zeniuk jegliche narrativen Elemente auslöscht und sich in seinen Bildern vollkommen auf das Primat der Farbe konzentriert. Die Wege der Abstraktion sind vielfältig und zeichnen sich trotz der wichtigen Enwicklungstränge im gesamten 20. Jahrhundert durch eine hohe Eigenständigkeit der jeweiligen Künstler aus. Die Aktualität abstrakten Arbeitens zeigt, dass einzelne Wege niemals enden, sondern fortgeführt, umgeleitet oder ganz neu erfunden werden.

Link zur Ausstellung


Für weitere Informationen und Bildmaterial zur Ausstellung stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung. Bitte senden Sie uns eine Email an:

mail@ludorff.com





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