Abendliche Marschlandschaft
Emil Nolde
«Abendliche Marschlandschaft»
Aquarell auf Japan ; um 1935/40 ; 35,1x46,8cm
Signiert
Im OEuvre Emil Noldes sind die Regionen des Nordens an der

See ein immer wiederkehrendes Motiv. Schon von jungen Jahren

an beeinflussen die Natur und die Reize seiner Heimat den

Maler in seinem künstlerischen Schaffen. Nach langem Suchen

erwirbt Nolde südlich der Grenze zu Dänemark eine Warft mit

Bauernhof in Seebüll. Hier lässt er sich nach seinen Entwürfen

von 1927 bis 1937 ein Wohn- und Atelierhaus errichten. Ein Jahr

nach seinem Tod wird 1957 hier das Nolde-Museum eröffnet.

In Seebüll entstehen einige seiner schönsten, großformatigen

Aquarelle, zu denen auch unser Blatt „Abendliche Marschlandschaft“

gehört. In den Dämmerstunden, nahe dem Meer fängt der

Künstler die Stimmung des nordischen Landstriches ein. Eingebettet

in die weite Landschaft liegt am Horizont eine Mühle, davor

breiten sich die satten Felder und Hügel aus. Die letzten Sonnenstrahlen

werden hinter den Wolken zurückgedrängt und machen

dem kommenden Abend Platz. Die Wolken am hohen Himmel

spielen eine wichtige Rolle in Noldes Bildern, denn die Vielfalt

der ständig wechselnden Formen erregt die Aufmerksamkeit des

Malers. Der Komplementärkontrast von Orange und Blau in den

Wolkenformationen verstärkt die Leuchtkraft des Bildes. Den

Bildaufbau bestimmt hauptsächlich die Farbe. Nolde, als Meister

des Aquarells, lässt die Farben ineinander verschwimmen und

zum wichtigsten Ausdrucksträger werden. „Gelb kann Glück malen

und auch Schmerz. Es gibt Feuerrot, Blutrot und Rosenrot. Es

gibt Silberblau, Himmelblau und Gewitterblau. Jede Farbe trägt

in sich ihre Seele, mich beglückend oder abstoßend oder anregend.“

1)

Nolde malt sein Bild in der Naß-in-Naß-Technik, welche die

Spontaneität und Unmittelbarkeit Noldes herausfordert. Seine

Aquarelle entstehen ohne Vorzeichnung. Als Untergrund wählt

Nolde saugfähiges Japanpapier, welches vor dem Farbauftrag

angefeuchtet wird. Mit vollgetränktem Pinsel bringt er die reinen

Aquarellfarben auf das nasse Papier auf. Schnell breitet sich

die Farbe aus. Nach dem Trocknen übermalt er seine Arbeiten in

leichtem Farbauftrag, um einzelne gegenständliche Details hervorzuheben.

„Der Maler braucht nicht viel zu wissen, schön ist es,

wenn er unter instinktiver Führung so zielsicher malen kann, wie

er atmet, wie er geht.“2) Bei Nolde ist die Farbe nicht nur Träger

seelischer Empfindungen, sie ist vielmehr als formbildende, gestaltende

Kraft. Noldes Landschaften zählen zu den wichtigsten

Schöpfungen seines umfangreichen Werks. Sie faszinieren den

Betrachter immer wieder durch ihre Farbenpracht, die der Aquarellist

meisterhaft auf das Papier bannt.

Anm.: 1) Emil Nolde zit. in: Martin Urban, „Emil Nolde – Landschaften. Aquarelle

und Zeichnungen“, Köln 1980, S. 16.

2) Ausst.-Kat., „Emil Nolde – Aquarelle und Graphik“, Leipzig 1995, S. 15.
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