„Auf langen Fußwanderungen und Fahrten längs der schleswigholsteinischen Westküste und um Hamburg herum hatten wir nach einem Haus oder Platz gesucht. Wir fanden nichts. […] Erst als wir gelegentlich eines Nachmittags auf der hohen, leeren Warft, die auf Peter Jensens Gemarkung lag, staunend standen, als ein junges Pferd um uns herumgaloppiert tollte und die Himmelswolken, über dem Wasser schwebend sich spiegelten, so herrlich waren, da schauten wir uns beide verstehend an, und meine Ada sagte: „Hier ist unser Platz!“. Ich stimmte ihr zu, und mit wenigen Wirten kauften wir die Warft.“1)
Zurückgekehrt in die Landschaft seiner Kindheit, der er seit jungen Jahren fest verbunden ist, werden der Künstler Emil Nolde und seine Frau Ada in Seebüll heimisch. Hier verwirklichen sie nach eigenen Plänen ihr Wohnhaus mit dem dazugehörigen Atelier und Garten. Eingebettet in der typisch norddeutschen Marschlandschaft liegt ihr neues Zuhause, von der sich Emil Nolde zu seinen Bildern anregen lässt. Ein schönes Beispiel dieser Inspiration stellt unser querformatiges Aquarell „Marschlandschaft mit Hof“ dar, in welchem Nolde ein für die Region typisches Bauerngehöft zeigt. Nolde erinnert sich an den Blick über die weitläufige Marschlandschaft: „Wir standen auf unserer Warft Seebüll, die ganze Himmelswölbung über uns. […] Wir schauten nach dem Seebüllhof hinüber, nach den drei Großhallighöfen und dann nach dem Süden zu dem auf seiner Warft fest gelagerten Hülltofthof […] Nach Osten zu liegt Freesmark, dieser große Friesenhof mit seinem vielen Tiefland und Reth, und nordwärts die Höfe Freesott und Foggebüll. Foggebüll mit seiner Sage von dem alten Herrensitz, aus dessen schweren Eichenbalken der alte Glockenturm in Aventoft gezimmert war.“2)
Für Nolde gehört die Darstellung der Landschaft zu einem der Hauptmotive in seinem Œuvre. Auf unserem Blatt ist das mit Reet gedeckte Gehöft in weite Ferne gerückt. Im Hintergrund ist ein zweiter Bauernhof zu sehen. Die blau changierenden Himmelsformationen türmen sich hinter den Gebäuden in die Höhe. Wie nach einem Sommergewitter reißt der Himmel teilweise auf und die Wolken schieben sich zur Seite, um die Sonnenstrahlen durchbrechen zu lassen und tauchen den gesamten Landstrich in ein magisches Licht. Grün und saftig erstrahlen die durch den Regen getränkten Weiden. Die ausgewogene Komposition und die Farbgebung unterstreichen die intensive Stimmung des Bildes. Der Betrachter fühlt sich in die Deichlandschaft einbezogen. Man kann die nach dem Regen herrschende, ruhige Stimmung leicht nachempfinden. Unser Aquarell spricht von der großen Hoffnung, die Nolde im Jahr der wieder gewonnenen Freiheit zu begleiten scheint.
Anmerkungen:
1) Emil Nolde, „Mein Leben“, 8. Auflage, Köln 1976, S. 367.
2) Zitiert ebenda, S. 373.
Emil Nolde
Nolde, 1867 - 1956, Seebüll
Emil Nolde
«Marschlandschaft mit Hof»
Aquarell auf Japan ; um 1945 ; 35,1x47,1cm
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