Sonnenblumen
Emil Nolde
«Sonnenblumen»
Aquarell auf Japan ; 1930/40 ; 26,4x22,3cm
Signiert
Emil Nolde zählt neben August Macke und Paul Klee zu den ersten Künstlern, die im frühen 20. Jahrhundert die Aquarellmalerei wiederentdecken. Bereits in den frühen 1890er Jahren, während seiner Anstellung als Lehrer am Gewerbe-museum in St. Gallen, unternimmt er erste Malversuche mit Aquarellfarben. Doch erst seit 1908 widmet er sich intensiv dieser in Deutschland seit langem in Vergessenheit geratenen Technik. Fortan erprobt Nolde die sich ihm nunmehr darbietenden Möglichkeiten der Aquarellmalerei: „Von der intimen, aber etwas kleinlichen Art meiner frühesten Aquarelle arbeitete ich in unendlichen Mühen mich durch zu der freieren, breiteren und flüssigeren Darstellung, die ein besonderes, gründliches Verstehen und Eingehen auf die Struktur und die Art der Papiere und die Möglichkeiten der Farben erfordert, aber vor allem wohl doch die Fähigkeit der sinnlichen Einstellung des Auges.“1) Der schnelle, kontrastreiche Farbauftrag und die improvisatorische Leichtigkeit der Kompositionselemente avancieren zum prägenden Ausdrucksmittel seiner Aquarellmalerei. Dabei gelangt er zu großer gestalterischer Freiheit und stilistischer Meisterschaft, wobei er die Farben mit außergewöhnlicher Virtuosität handhabt.



Zeitlebens ist Nolde von Blumen und Gärten fasziniert. Überall, wo er sich häuslich niederlässt, sucht er gleichzeitig die Nähe zur Natur, zur wachsenden und gedeihenden Flora. So scheut er nicht die Gartenarbeit und genießt die Freude beim Betrachten der knospenden Pflanzenstauden. Unser Aquarell „Sonnenblumen“ entsteht zu einem Zeitpunkt, an dem sich Nolde schon seit längerem in Seebüll aufhält, wo er sich seit 1927 nach eigenen Plänen ein Wohn- und Atelierhaus errichten lässt. Der mit großem Aufwand und Hingabe angelegte Garten vor dem Haus, durch Bäume vor dem Wind geschützt, erwächst zum unerschöpflichen Inspirationsquell seiner Kunst, so dass der Entstehungsort unserer „Sonnenblumen“ gleichsam hier anzusiedeln ist.



Mehrere Sonnenblumen mit prachtvoll geöffneten Blütenköpfen verteilen sich dicht an dicht über den Bildträger. Erwartungsvoll recken sie sich dem Betrachter, ähnlich wie dem lebensspendenden Sonnenlicht, entgegen. Die Blüten, deren Formen nahezu skizzenhaft umrissen sind, drängen über das Bildformat hinaus, sind vom Papierrand teilweise angeschnitten. Die Lebendigkeit, die Urkraft der Gewächse kommt darin zum Ausdruck, die Nolde stimmungsvoll auf das Papier bannt. Mit raschem Pinselzug trägt Nolde die Farben auf, ganz und gar durchdringen sie das saugfähige Japanpapier. In leuchtendem Gelb überstrahlen die Sonnenblumen den gesamten Bildaufbau. Nur sparsam akzentuierend ist das Grün des Blattwerks und der Blumenstängel in die Komposition integriert, zugunsten der Fokussierung auf die leuchtenden Blüten. Ein dunkles Violett fügt sich zudem berauschend in das koloristische Zusammenspiel ein. „Farben waren mir ein Glück, und mir war es, als ob sie meine Hände liebten“2), mit diesen Worten unterstreicht Nolde die elementare Bedeutung der Farbe in seiner Malerei, vor der alles andere in den Hintergrund rückt. Als sinnlich wahrnehmbares Erlebnis dient sie nicht mehr als Übertragungsmittel für Bildinhalte, sondern birgt eine eigene Seele in sich, die je nach Stimmungslage anziehend oder abstoßend wirkt. Die Farbe ist somit selbst Energie und Kraft, die sich in unserem Aquarell als ein sommerlicher Reigen von leuchtender Pracht und sprühender Lebendigkeit kundtut.



Anmerkungen.:

1) Emil Nolde, „Mein Leben“, 8. Aufl., Köln 1990, S. 334.

2) Emil Nolde, „Jahre der Kämpfe“, Berlin 1934, S. 92.
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