Erich Heckel, Haus in Angeln, 1927
Erich Heckel
«Haus in Angeln»
Gouache, Wasserfarbe und Wachskreide auf Papier ; 1927 ; 49 x 61 cm
Signiert und datiert
Hans Geissler, Erich-Heckel-Stiftung, Gaienhofen-Hemmenhofen
Provenienz:
Nachlass des Künstlers; Galerie Theo Hill, Köln; Privatsammlung Großbritannien
Ausstellung:
"Meisterwerke des Expressionismus", 9. Oktober 2011 - 1. März 2012, Galerie Ludorff, Düsseldorf
Literatur:
Galerie Ludorff, "Frühjahr 2011", Düsseldorf 2011
Der 1883 in Döbeln geborene Maler und Graphiker Erich Heckel studiert zunächst Architektur in Dresden, wo er gemeinsam mit seinem Jugendfreund und Kommilitonen Karl Schmidt-Rottluff die beiden älteren Studenten Ernst Ludwig Kirchner und Fritz Bleyl kennenlernt. 1905 tun sich die Freunde zusammen und gründen die Künstlervereinigung „Die Brücke“, mit dem Ziel, sich von nun an auf die reine Malerei zu konzentrieren und diese durch eine expressive, innovative Formensprache aus dem herrschenden akademischen Kanon zu befreien. In den Folgejahren schließen sich der „Brücke“ weitere Künstler wie Max Pechstein oder Otto Mueller, zeitweise auch Emil Nolde, an. Bis zur endgültigen Auflösung der Künstlervereinigung 1913 formulieren die Freunde einen gemeinsamen Stil, der sich vor allem durch extreme Farbigkeit und eine kantige Malweise auszeichnet und sich inhaltlich um einen expressiven Ausdruck menschlicher Emotionen bemüht. Obgleich die Brücke-Künstler in dieser Zeit sehr ähnlich arbeiten, tendiert Heckel im Vergleich zu den anderen Mitgliedern stets zu einer eher verhaltenen, stärker formal konzipierten Ausdrucksweise mit lyrischen Anklängen.
Den Ausbruch des Ersten Weltkrieges nimmt Heckel als Zäsur wahr und die Kriegsjahre stürzen den sensiblen Maler in tiefe seelische Depressionen. Häufig zeugen seine, in dieser Zeit entstandenen Werke von einer Auseinandersetzung mit den menschlichen Abgründen. In den Zwanziger Jahren wird seine Kunst wieder freier. Obgleich Heckel die Errungenschaften der ‚Brücke-Zeit‘ weitgehend beibehält, verharrt er nicht in diesem Stil. Die dramatische Inszenierung weicht einer ausgewogeneren Farbpalette und einem klarer konstruierten Bildaufbau. Auch rückt der Realitätsbezug stärker in den Vordergrund und Heckel setzt sich bevorzugt mit Landschaftsmotiven auseinander. In diesen Themenbereich lässt sich auch die 1927 entstandene Papierarbeit „Haus in Angeln“ einordnen. Von einem erhöhten Standort aus, der für Heckels in dieser Zeit entstandene Arbeiten typisch ist, skizziert der Künstler das rote, reetgedeckte Bauernhaus an einem regnerischen Tag. Durch die erhöhte Perspektive gewinnt das Bild an Raumtiefe. Der dynamische Pinselduktus und die Verwendung kräftiger Farben zeugen von der Verwurzelung im expressiven Stil der „Brücke“. So erspürt er eindringlich die Rauheit der nordischen Natur an einem stürmischen Tag. Auf der anderen Seite deutet sich Heckels künstlerische Weiterentwicklung zu einem in sich weicheren, realitätsbezogeneren und klarer konstruierten Spätstil bereits an. Der Maler, den es zeitlebens immer wieder an die Ostsee zieht, schafft es, in unserer schönen Papierarbeit „Haus in Angeln“ nicht nur, eine getreue Naturwiedergabe der schleswigholsteinischen Region Angeln wiederzugeben, gleichzeitig fängt er auch den eigentümlich sanft-herben Charakter dieses Landstriches ein. In seinen Schriften zu Erich Heckel und dessen Bezug zu Schleswig würdigt der berühmte Kunsthistoriker und Zeitgenosse Heckels, Max Sauerlandt, das im Hohen Norden entstandene Werk des Künstlers folgendermaßen: „Und warum auch viele Worte machen von dieser Kunst, die ihre Grenzen so klar empfindet und so rein erhält? Sie rührt an etwas Vollkommenes, weil sie nicht mehr sein will, als sie von Natur ist. Ihre sanfte Schönheit schmeichelt sich dem Auge und dem Gefühl unwiderstehlich ein; alles, was sie zu sagen hat, spricht sie in ihrer heiteren oder sanft melancholischen Farbigkeit selbst aus. In diesen arkadischen Landschaftsbildern, mit denen sich Heckel Heimatrecht bei uns erworben hat, ist scheinbar ein leises Hinüberneigen zu der Kunst der letzten Generation zu spüren, doch schwingt in der Form des Pinselstrichs und in der frei gestaltenden Naturanschauung immer noch die ganz andere Gesinnung des Jahrhundertbeginns. Dort war ein hoher Sinn für den Mechanismus der Natur Antrieb zur Gestaltung, hier lebt ein die Natur vergöttlichender Enthusiasmus, ein zarter Geist, der sich in der heimlichen Harmonie der Farben selbst zu verhauchen scheint.“1.)

Anm.:
1) Max Sauerlandt, in: „Schleswig-Holsteinisches Jahrbuch“, 19 (1930-31); zit. in: Felix Zdenek (Hg.), „Erich Heckel 1883-1970.Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen und Graphik“, Ausst.-Kat., München 1983, S. 225.
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