Kauernde Dodo
Ernst Ludwig Kirchner
«Kauernde Dodo»
Bleistift ; um 1910 ; 34 x 27 cm
1905 gründet Ernst Ludwig Kirchner gemeinsam mit Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff und Max Pechstein die Künstlervereinigung „Brücke“ in Dresden. Die angehenden Künstler verbringen miteinander ihre Freizeit, am liebsten malend in der Natur. Es werden Ausflüge in die Umgebung, gerne an die Moritzburger Seen unternommen, um dort zu baden und die Sonne zu genießen. Kirchner hat immer sein Skizzenbuch zur Hand, um momentane Situationen und Erlebnisse mit dem Stift rasch einzufangen. Sein Augenmerk richtet sich auf die Ganzheit von Figur, Raum und Bewegung, um diese möglichst lebendig einzufangen. Die schnelle Notiz des Wahrgenommenen bleibt für Kirchner in allen Schaffensphasen bedeutungsvoll: „Ich lernte den ersten Wurf schätzen, so dass die ersten Skizzen und Zeich-nungen für mich den großen Wert hatten. Was habe ich mich oft geschunden, das bewusst zu vollenden auf der Leinwand, was ich ohne Mühe in Trance auf der Skizze ohne weiteres hingeworfen hatte.“1) Kirchners Zeichnungen sind der eigentliche Mittelpunkt seines Schaffens, aus dem die Malerei wie die Druckgraphik abgeleitet werden.

Aus der Zeit um 1910 stammt unsere Aktzeichnung, in welcher der Künstler seinen expressiven Zeichenstil entwickelt. Dieser ergibt sich aus der Entdeckung afrikanischer und ozeanischer Kunst im Dresdner Völkerkundemuseum. Auch interessiert sich der junge Künstler für indische und ostasiatische Kunst. „Diese Werke machten mich fast hilflos vor Entzücken. Diese unerhörte Einmaligkeit der Darstellung bei monumentaler Ruhe der Form glaubte ich nie erreichen zu können, alle meine Versuche kamen mir hohl und unruhig vor. Ich zeichnete vieles an den Bildern ab, um nur einen eigenen Stil zu gewinnen [...].“2)

Die kauernde Nackte ist Kirchners Dresdner Freundin “Dodo” - Doris Grosse -, sein bevorzugtes Modell der Dresdner Jahre. Die Begegnung mit Dodo ist für Kirchner außerordentlich prägend. Noch sieben Jahre nach der Trennung erinnert er sich an die Geliebte in einer Tagebuchnotiz vom 5. Juli 1919: “Deine feine frische Liebeslust, mit Dir erlebte ich Sie ganz, fast zur Gefahr meiner Bestimmung. Doch Du gabst mir die Kraft zur Sprache über Deine Schönheit im reinsten Bilde eines Weibes.”3) Mit kräftiger, ungebrochener schwarzer Linie ist die Frauengestalt gezeichnet und streng auf Kontur angelegt. Eine angespannte Dynamik und Energie, aber auch eine Leichtigkeit und Unbeschwertheit des Ausdrucks gehen von der Zeichnung aus, die den Expressionisten verrät. Die gelöst fließende Linie erfasst als Grundelement der Gestaltung unter Weglassung der Details das Wesentliche. Dodos Nacktheit wirkt jedoch weder kokett noch aufreizend, noch nimmt sie eine Pose ein, wie sie für Aktmodelle charakteristisch ist. Das Motiv der Hockenden greift Kirchner öfter auf, auch in seinen Holzskulpturen. Der holzgeschnitzte Leopardenhocker aus Kamerun ist ein Geschenk von Erich Heckels Bruder Manfred, der als Ingenieur in Deutsch-Ost-Afrika gearbeitet hatte. Das räumliche Ambiente ist näher definiert, es handelt sich um Kirchners Wohnatelier, welches er mit selbstgestalteten Dekorationen und geschnitzten Skulpturen nach dem Vorbild primitiver Kunst ausgestattet hat, wie der Sammler Gustav Schiefler sich erinnert: „Er hatte sich in einer Vorstadt-straße Dresdens, der Not gehorchend, ein seltsames Atelier gemietet: einen engen Krämerladen, der sich mit einer großen Scheibe nach der Straße öffnete und neben dem ein kleines Gemach als Schlafraum diente. Diese Räume waren phantastisch ausgestattet.“4) Die Einrichtung hier dient dem alltäglichen Gebrauch und nicht der Ausschmückung mit dem Fremden. Kirchner möchte die Entfremdung von der Kunst aufheben und diese nicht nur als isolierte ästhetische Objekte sehen. Statt vor der Zivilisation zu flüchten, schafft sich Kirchner einen Freiraum, in dem er sein großes Ziel – die harmonische Verbin-dung von Leben und Kunst – vollziehen kann.

Anmerkungen.:
1) Ernst Ludwig Kirchner, „Die Arbeit E. L. Kirchners“, um 1925/26, in: Eberhard W. Kornfeld, „Ernst Ludwig Kirchner. Nachzeichnungen seines Lebens“, Bern 1979, rezitiert in: Magdalena M. Moeller/ Roland Scotti (Hg.), „Ernst Ludwig Kirchner – Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen und Druckgrafik – Eine Ausstellung zum 60. Todestag“, Ausst.-Kat., Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung, München 1998, S. 12.
2) Zitiert ebenda, S. 101.
3) Nationalgalerie Berlin, „Ernst Ludwig Kirchner“, Ausst.-Kat., Berlin 1980, S. 121.
4) Magdalena M. Moeller (Hg.), „Von Dresden nach Davos – Ernst Ludwig Kirchner Zeichnungen“, Ausst.-Kat., Ausstellungshalle der Dortmunder Museen, München 2004, S. 72.
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