Dahlien und Rosen in braunem Krug
Gabriele Münter
«Dahlien und Rosen in braunem Krug»
Öl auf Malkarton ; 1960 ; 62 x 45 cm
Signiert mit dem Monogramm und "B.B 12 /60 (50 /42)" bezeichnet
In ihren letzen Schaffensjahren widmet sich Gabriele Münter wieder mit großer Vorliebe der in der Zeit des Blauen Reiters so intensiv betriebenen Stillebenmalerei, nachdem sie sich in den zwanziger Jahren und in der skandinavischen Zeit vorzugsweise anderen Bildthemen zugewandt hatte. Dabei sind die Blumen das häufigste Motiv, das sie in zahlreichen Variationen wieder und wieder malt und zu einer letzten großen Reife führt. In den Bildern dieser Werkphase wird jedoch kein einheitlicher Stil ausgebildet. Münters Ausdruck reicht vielmehr von einer mehr realistischen bis zu einer nahezu abstrakten Darstellungsweise. Von den Naturformen der Blumen sind dabei oft nur die Grundzüge des Strotzenden, Gereckten, Geballten oder Zerflatternden übriggeblieben. Meist wird die Anordnung der Blütenblatter auf einen mit Farben gefüllten Kreis durch weich gezogene, wenig unterbrochene Pinselzüge verdichtet. Diese Stillebenmalerei entsteht im Spätwerk in allen Medien: in Bleistift, Tusche, Kugelschreiber und als ,,Blumenblätter" in Öl auf Papier. Die Arbeiten weisen, häufig in kleinem Format gegeben, eine große malerische Konzentration auf. Hier wird Münters starkes zeichnerisches Talent nochmals sichtbar. Mit der schwarzen Kontur, den sie von der Hinterglasmalerei einst übernommen hatte, erfasst sie flüssig und präzise das Charakteristische der Blumen. Mit großer Einfühlung versteht sie das lebendig wuchernde Wesen der Pflanzen festzuhalten. Der Hintergrund der Arbeiten bleibt nun vielfach weiß.

So sieht man auf unserer, für diese Periode sehr charakteristischen Arbeit ,,Dahlien und Rosen in braunem Krug" einen farbenfrohen Blumenstrauß mittig im Bild stehen. Zu beiden Seiten des Kruges sind zwei weitere kleine Gefäße mit Blumen gestellt. Die Blüten entfalten eine sommerliche Farbenpracht, die in ihrer Isolation vor dem weißen Hintergrund fast etwas Zeichenhaftes bekommt. Ausser der Anordnung der drei Gefäße sind keine räumlichen oder örtlichen Zusammenhänge zu erkennen. Die Blumen stehen ganz für sich, was durch die Betonung der Einzelform mit der schwarzen Kontur noch unterstrichen wird. Das Vorbild unseres Blattes, das Münter offenbar so sehr schätzte, dass sie es nicht veräußern wollte, ist 1942 entstanden. In einer Zeit also, in der die Künstlerin in tiefster Abgeschlossenheit im Murnauer Haus arbeitet. Sie malt vorwiegend nachts und muss sich dabei ihrer Palette sehr sicher sein, um auch im Dunkeln die Wirkung der Farben bei Tageslicht richtig einschätzen zu konnen. Auch in der Nachkriegszeit behält sie diese Technik teilweise bei, da abends gemalte Bilder am Tage mächtiger und intensiver wirken. Als 1958 Münters Lebenspartner Johannes Eichner überraschend an einem Hirnschlag stirbt, zieht sich die Künstlerin noch mehr in ihr Murnauer Haus zurück. Noch immer fertigt sie kleinere Arbeiten zumeist auf Papier, wobei sie häufig - wie auch in unserem Fall - ältere Vorlagen kopiert. 1960 wird der amerikanische Kunsthandel auf Münter aufmerksam und es entstehen in diesem Zusammenhang einige Arbeiten.

Münters Spätwerk, das neben der Zeit des Blauen Reiters zu den Höhepunkten ihres Schaffens zählt, wird von einer Rückkehr zur Primitivismus-Ideologie begleitet. Es wird wiederum die spontane, ursprüngliche Schaffenskraft betont und verstandesmäßige Prinzipien und ein bewusstes Kunstwollen abgelehnt. Allerdings verzichtet Münter jetzt auf den typischen weltanschaulichen Hintergrund mit seiner mystifizierenden Komponente, wie er für den Blauen Reiter charakteristisch war, sondern zieht sich vor allem ganz ins Private zurück und sucht so ungestört und unabhangig von Zeitströmungen stimmungsvolle Bilder zu malen, die keine vorgefasste Weltanschauung zum Ausdruck bringen.
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