Überblick Gabriele Münter, Landschaft bei Murnau, ca. 1955
Landschaft bei Murnau
Gouache auf Papier ; ca. 1955 ; 43 x 53,4 cm | 17 x 21 in
Signiert sowie zusätzlich mit dem Monogramm und der Bezeichnung "L.B.8 /55" (= Landschaftsbild Nr. 8 aus dem Jahr 1955) versehen
Provenienz:
Sammlung Wilhelm Reinhold, Hamburg; Galerie Ludorff, Düsseldorf (2004); Privatsammlung Schweiz; Galerie Ludorff (2014); Privatsammlung Süddeutschland
Ihre zweite große Schaffensphase beginnt Gabriele Münter Anfang der 1930er Jahre. 1914 trennt sie sich von Kandinsky und zieht von 1915 bis 1920 nach Skandinavien. Ab 1920 lebt sie abwechselnd in Köln, München, Murnau, Berlin und Paris bevor sie 1931 mit ihrem neuen Lebensgefährten – dem Kunsthistoriker und Philosophen Johannes Eichner – nach Murnau zurückkehrt. In dem alten Haus der Künstlerfreunde des »Blauen Reiters« gelingt ihr ein umfangreiches und qualitätvolles Spätwerk. Im Grunde hält die Künstlerin den in der Zeit des »Blauen Reiters« formulierten Zielsetzungen die Treue. Ihre Stärke, das Wesentliche aus den äußeren Erscheinungen zu extrahieren und ihre Fähigkeit zur Vereinfachung des Ge­sehenen dienen der Absicht, in ihrer Kunst »das Geistige an sich zu fassen«1 als das Unsichtbare, das hinter der äußeren Wirklichkeit verborgen liegt. Dieses Bestreben wird von den Mitgliedern des »Blauen Reiters« in dem zentralen Begriff der »Synthese« zusammengefasst. Dabei sollen die Erscheinungen der realen Welt im Bild umgeformt werden durch die Erscheinungen der inneren Welt des Künstlers. Nach dieser Synthese streben die Künstler­freunde durch ein von gesellschaftlichen Bezügen losgelöstes Arbeiten, wofür ihnen einige Jahre lang Murnau der ideale Ort scheint. Das Freisein von äußerer Beeinflus­sung wird nach ihrer Weltanschauung zu einem geschätzten Wert, der den wahren, schöpferischen Künstler vom Scheinkünstler unterscheidet. Münter selbst sieht sich dabei als »primitiv« Schaffende, die sich keiner Regel unter­wirft und nur ihrer intuitiven Natur folgt. Ebenso ist es von Kandinsky sicherlich als Ausdruck höchster An­erkennung zu werten, wenn er zu seiner damaligen Schülerin Münter sagt: »Du bist hoffnungslos als Schüler - man kann Dir nichts beibringen. Du kannst nur machen, was in Dir gewachsen ist. Du hast alles von Natur.«2
Für die Arbeiten der zweiten Murnauer Zeit, zu der auch unser Blatt »Landschaft bei Murnau« von 1955 zählt, ist die einfache klare Gliederung der Bilder in wenige synthetisierte Flächen charakteristisch. Mit starken Konturen werden die Hauptelemente der Kompositionen als leuchtende Farbflächen eingefasst. Die Komposition und der Farbauftrag sind jedoch meist homogener als in der Vorkriegszeit. Der Expressivität der früheren Jahre folgt jetzt eine ruhigere, beschreibendere Sicht dessen, was Münter in der Natur vorfindet. So gibt unser Blatt einen Blick auf die weich geschwungene bayerische Hügellandschaft mit ihren saftigen Wiesen und Kornfeldern. Hier und da steht eine Baumgruppe. Ein kleines Gehöft erblickt man im Mittelgrund der Komposition. Ein Weg steigt bergan und lenkt den Blick vom Vordergrund in Richtung der blau aufragenden Gebirgskette im Hintergrund. Am rechten Bildrand kommt dem Betrachter auf einer von Bäumen gesäumten Allee eine Frau entgegen. Über den leuchtend-­blauen Bergen ragt bereits die aufgehende rosafarbene Sonne. Die Komposition wird nach oben von einem kräftigen hellen Himmelsblau abgeschlossen, das einen weiteren Akzent in diesem stark leuchtenden Farbreigen bildet.
Die intensive Farbigkeit, die einfache Flächengliederung des Blattes und die teils dunklen Konturen, mit denen Münter die Bildelemente umreißt, sind Eigentüm­lichkeiten, die sich die Künstlerin durch ihre Be­schäfti­gung mit der Hinterglasmalerei angeeignet hat. Sie ist seinerzeit die erste, die sich in dieser Technik versucht und daraufhin die Künstlerfreunde des »Blauen Reiters« zu dieser Arbeitsweise anregt. Die vereinfachende Form der Zeichnung, die bei dieser Technik erforderlich ist, kommt dem eigenen Bedürfnis nach Steigerung der Aussage durch Abstraktion entgegen. Im Zusammenziehen der Elemente auf wenige charakteristische Formen erfasst Münter treff­sicher das unmittelbar Gesehene. Ihre künstlerische Arbeit erfolgt schnell und intuitiv. Aber trotz der spontanen und hingebungsvollen Malerei bleibt sie sich ihrer Mittel stets bewusst.


1. Zit. nach: »Gabriele Münter. Eine Malerin des Blauen Reiters, Gemälde, Zeichnungen, Druckgraphik«, Ostfildern-Ruit 1999, S. 47.
2. Zit. nach: Karl-Egon Vester (Hg.), »Gabriele Münter«, Ausst.-Kat., Hamburg 1988, S . 7.
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