Überblick Gabriele Münter, Porträt Mimmi Sundbeck, 1916
Porträt Mimmi Sundbeck
Öl auf Leinwand ; 1916 ; 133 x 92 cm
Signiert und "Arnäsholm" bezeichnet
Auf der Rückseite "Gabriele Münter 1916" und "Fru Mimmi Sundbeck" bezeichnet
Aufgenommen in das in Vorbereitung befindliche Werkverzeichnis von Dr. Isabelle Jansen,München
Provenienz:
Atelier der Künstlerin; Carl Leopold Sundbeck, Gut Arnäsholm, Boras, Schweden; Nachlass Carl Leopold Sundbeck; Privatsammlung Schweden (seit 1996)
Ausstellung:
Städtische Galerie im Lenbachhaus/Schirn Kunsthalle/Liljevalchs Konsthall, "Gabriele Münter. Retrospektive", München/Frankfurt/Stockholm 1992/93
Literatur:
Annegret Hoberg/Helmut Friedel (Hg.), "Gabriele Münter. 1977-1962. Retrospektive", München 1993
Mit der Ankunft in Stockholm im Juli 1915 beginnt Gabriele Münters „skandinavische Periode“ (1915-1920), die neben Landschaften und Interieurs auch Porträtdarstellungen hervorbrachte. Von Beginn an macht sich die Künstlerin mit dem dortigen Kunstbetrieb vertraut: Sie lernt die schwedische Sprache, trifft sich regelmäßig mit der schwedischen Avantgarde, erkundet die wichtigsten Städte und sucht erfolgreich nach Ausstellungsgelegenheiten für sich und Wassily Kandinsky, mit dem sie seit Jahren eine private und künstlerische Beziehung verbindet. 1 Unverhofft sieht sich das Künstlerpaar im Frühjahr 1916 ein allerletztes Mal in Stockholm, bevor er wieder nach Moskau zurückkehrt.
Im Sommer 1916 beginnt Münter eine Reise Richtung Norden, die sie in das schwedische Dorf Aplared führt. Dort verbringt sie einige Wochen auf Hof Arnäsholm. Sie ist Gast bei Carl Leopold Sundbeck, einem ehemaligen Theologen und Publizisten, der unser Porträt seiner kurz zuvor verstorbenen Frau Mimmi bei Münter in Auftrag gibt.2
Die Porträtierte ist in Frontalansicht dargestellt. Sie sitzt auf einem Holzstuhl und stützt sich mit dem Ellbogen seitlich auf einen Holztisch. Sie trägt einen prächtigen roten Mantel, der mit schwarzen Stickereien verziert ist, als ob sie soeben von einem sonntäglichen Spaziergang heimgekehrt sei. Auf dem Tisch neben ihr stehen in einer blauen Vase zwei frische rosafarbene Rosen. In ihrer Hand hält sie einen Strohhut, der mit einem blauen Band und zwei Kornblumen geschmückt ist. Im Hintergrund wird sie von zwei grünen Vorhängen umrahmt. Ihr Gesicht ist blass, ihre Wangen jedoch leicht gerötet. Mimmi Sundbeck blickt dem Betrachter direkt entgegen. Die Farbwahl ist weniger expressiv als noch zu Murnauer Zeiten. Auch ist die Malerei weniger flächig. Die präzise Ausgestaltung des roten Kleids, des Blumenstillebens wie auch des Hutes zeugen von einer sehr genauen Beobachtung und einem gekonnten Umgang mit den für Münters Werk so typischen Farben Rot und Blau. Die Blumen und der Hut nehmen der Darstellung etwas von der Ernsthaftigkeit und verleihen dem Bild Zartheit und Weiblichkeit. Das Werk erinnert an die bedeutenden Bildnisse der Marianne Werefkin (1909, Lenbachhaus München) sowie an das „Portrait einer jungen Frau mit einem großen Hut“ (1909, Courtauld Art Gallery, London), in denen die Dargestellten ebenfalls mit einem von Blumen verzierten Hut dargestellt sind. Ein wesentlicher Unterschied besteht jedoch darin, dass Mimmi Sundbeck den Hut nicht mehr auf dem Kopf, sondern in der Hand trägt. Hierin lässt sich eine von Münter gewollte Andeutung erahnen, die mit dem Ableben der Dargestellten in Bezug stehen mag. Der Hut steht als Kopfbedeckung seit jeher dem geistigen Zentrum des
Menschen nahe. Deshalb sind vielerlei Werte und Glaubensvorstellungen mit ihm verknüpft, die sich redensartlich
aber auch in der Malerei und seiner Interpretation niedergeschlagen haben.

1 Vgl. „Gabriele Münter. 1877-1962 Retrospektive“, Ausst.-Kat.,
München 1992, S. 71.
2 Vgl. Ebd., S. 73.
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