Überblick Gabriele Münter, Vorstadt mit Barockkirche (München Ramersdorf), 1936
Vorstadt mit Barockkirche (München Ramersdorf)
Öl auf Malkarton ; 1936 ; 33 x 41 cm
Rückseitig mit dem Nachlassstempel sowie der Werknummer "L105" versehen
Expertise: Dr. Isabelle Jansen, München
Provenienz:
Nachlass der Künstlerin; Galerie Resch, Gauting; Privatsammlung Süddeutschland; Galerie Gunzenhauser, München; Privatsammlung Nordrhein-Westfalen (seit 1991)
Literatur:
Galerie Ludorff, "Neuerwerbungen Frühjahr 2016", Düsseldorf 2016
Der landschaftlichen Idylle der kleinen Ortschaft Murnau am Staffelsee bleibt Gabriele Münter zeitlebens verbunden. Einst hat sie sich hier mit ihrem damaligen Lebensgefährten Wassily Kandinsky niedergelassen und zusammen mit den Wegbegleitern Marianne von Werefkin und Alexej von Jawlensky einen neuen, für die Kunst der Gruppe des »Blauen Reiter« typischen, expressiven Malstil geprägt. Nach der Trennung von Kandinsky und dessen Flucht über die Schweiz nach Russland, wandert Münter nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges nach Norwegen aus. Erst in den 1930er Jahren – kurz vor der Entstehung des vorliegenden Gemäldes »Vorstadt mit Barockkirche« – kehrt sie in das beschauliche Städtchen im bayrischen Oberland zurück. Ihre wiedergewonnene Schaffensfreude spiegelt sich in zahlreichen Blumenstillleben und Landschaftsdarstellungen der Zeit wider, die sie auf Spaziergängen und Ausflügen in Murnau und im Umland festhält.
Auf dem vorliegenden Gemälde reihen sich in hellem Grau rechts und links einer Straße nahezu identisch wirkende Häuser. Münter befindet sich trotz der sehr typischen, satten Farbgebung und der an die Murnauer Zeit erinnernden Malweise nicht in Murnau selbst. Sie hält sich vielmehr in Ramersdorf auf, einem am Rande gelegenen Stadtteil Münchens, wo kurz vorher die dargestellte Neubausiedlung eingeweiht wurde. Sehr frische Farben dominieren das Bild. Der Himmel strahlt in schönstem Blau, während die Fassaden in gedecktem, aber klarem Grau und die Dächer in einem zarten Orange dargestellt sind. Der Blick folgt der Straße und bleibt am zwiebelförmigen Kirchturm der schon im 11. Jahrhundert dokumentierten Wallfahrtskirche St. Maria haften, die sich im Zentrum hinter den neu gebauten Häusern auftut. Das Weiß des Turms, das Grün des oxidierten Kupfers und das Gold der Turmspitze heben sich ebenfalls sehr deutlich vom kräftigen Blau des wolkenlosen Himmels ab. Wiesen sowie Sträucher und Bäume säumen die Straße und umgeben die in unmittelbarer Nähe zum alten Dorfkern gelegenen Neubauten.
Münter verzichtet bewusst auf Details wie Fenster oder Türen. Einzelne, nahezu monochrome Farbflächen reihen sich aneinander. Die Künstlerin hat auch ihre Farbpalette reduziert, um sich auf das Wesentliche konzentrieren zu können. Sie setzt sich damit ganz klar über die Konventionen einer realistischen Wiedergabe hinweg und fokussiert vor allem die augenblickliche Stimmung und ihre sehr positive Empfindung des Vorgefundenen. Münters Bildprogramm der Verfremdung und Suche nach neuen Ausdrucksformen wird somit zusehends mutiger. Sie knüpft zwar thematisch an die Vorkriegszeit an, mit breitem Pinselduktus und großen Farbflächen entwickelt sie ihren Stil durch weitere Vereinfachung jedoch auf eine sehr erfolgreiche Art und Weise weiter.
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