Heinrich Zille
Radeburg, 10. Januar 1859 - 09. August 1929, Berlin
Heinrich Zille
«Jungs sind immer leichter!»
Aquarell und Tusche ; ca. 1920 ; 20 x 15 cm
Signiert
Der Mensch steht im Zentrum der künstlerischen Gestaltung Heinrich Zilles. Ihm und seinem Umfeld im Berliner Milieu des frühen 20. Jahrhunderts gilt sein ganzes, ungeteiltes Interesse. Dabei ist Zille kein gebürtiger Berliner. 1858 im sächsischen Radeburg geboren, wächst er in Dresden und in dem bei Freital gelegenen Dorf Potschappel auf. Schließlich zieht die Familie, Heinrich Zille ist gerade 10 Jahren alt, nach Berlin um. Bis an sein Lebensende im Jahre 1929 wird Zille, von einzelnen Reisen abgesehen, die Stadt an der Spree nicht mehr verlassen, die ihm einen unermesslichen Fundus an Motiven und Szenerien bietet und den Ausgangspunkt seines zeichnerischen und druckgraphischen Œuvres bildet.
Wort und Bild gehören in der Kunst Zilles oftmals untrennbar zu-sammen. Auch in unserer farbig aquarellierten Tuschfederzeichnung „Jungs sind immer leichter“ unterstreicht die Bildunter-schrift den Bedeutungsinhalt der kleinen pointierten Darstellung: Ein junges Mädchen trägt einen kleinen, kaum den Windeln entwachsenen Jungen auf ihren Armen. Ein wenig altklug spricht dabei der berlinerische Witz aus dem Mund der kleinen „Mutter“: Nichts im Kopf, nur die Hosen voll, könnte man den titelgebenden Satz fortführen.
Forschen Schrittes geht das wohl genährte, rotwangige Mädchen mit dem Gör im Arm voran. Trotz Löchern in den Socken und mit ausgetretenen Latschen bekleidet blickt es den Betrachter keck an. Der kleine pausbäckige Junge, zu müde oder, trotz neuer Schuhe, gar zu bequem zum Laufen, hat die Arme um den Hals seiner zupackenden Trägerin geschlungen. Arglos schauen dabei unter seinem Kittelchen die nackten Beinchen und der Unterleib hervor.
Zille, selbst Vater von drei Kindern, widmet sich während seines gesamten künstlerischen Schaffens immer wieder der reinen Kinderdarstellung. In liebevoller Art und Weise fängt er die Eigenheiten und die Charakteristiken der Berliner Rangen ein. Auf humoristische und zugleich sozialkritische Weise gibt er in unzähligen Variationen Einblick in das Leben der Kinder auf den Berliner Straßen und Märkten, zeigt sie beim gemeinsamen Spiel, in Freibädern und auf dem Rummelplatz oder erfasst sie voller Anteilnahme in ihrem oftmals mühseligen Alltag in den Hinterhöfen der Berliner Mietskasernen. In diesem Zusammen-hang nimmt auch die Thematik der kleinen Mütter, jene Mädchen, die selbst noch in den Kinderschuhen stecken und vorwitzig die Obhut über ihre jüngeren Geschwister übernehmen, eine zentrale Rolle in Zilles Kunstschaffen ein. Das hier vorliegende Blatt mit dem kleinen selbstbewussten Geschwisterpaar illustriert dies auf ganz prägnante und anschauliche Weise.
In der aus dem Spätwerk des Künstlers stammenden Tuschfeder-zeichnung ist zudem nichts mehr von den Anstrengungen zu spüren, die Zille auf sich genommenen hat, um seine Zeichenkünste durch fortwährendes Üben zu schulen und zu verbessern. Selbstkritisch äußert er sich über seine künstlerische Entwicklung: „Das ist alles nur mit Gewalt gemacht! (…) Weil ich es gewollt habe. (…) Weil ich jedes kleine Ding beobachtete und abzeichnete. Jeden alten Latschen. Jeden krumm getreten Stiebel. Jede alte Gosse. Jeden Straßenwinkel.“1)
Mit spielerischer Leichtigkeit und flotter Hand führt Zille in dieser Zeichnung die Feder über das Papier und erfasst die beiden Kinder mit wenigen Konturen setzenden Strichen. Farbige Akzente unterstreichen die frohgemute Atmosphäre. „Ein paar Linien, ein paar Striche, ein wenig Farbe mitunter – und es sind Meisterwerke“2), bemerkt die Zeitgenossin und Künstlerkollegin Käthe Kollwitz in Bezug auf Zilles charakteristischen Berliner Milieuschilderungen.
Anm.:
1) Zitiert in: Matthias Flügge/ Hans Joachim Neyer (Hg): „Heinrich Zille – Zeichner der Großstadt“, Ausst. Kat. Wilhelm-Busch-Museum Hannover, Dresden 1997, S. 12.
2) Zitiert ebenda, S. 20.
Wort und Bild gehören in der Kunst Zilles oftmals untrennbar zu-sammen. Auch in unserer farbig aquarellierten Tuschfederzeichnung „Jungs sind immer leichter“ unterstreicht die Bildunter-schrift den Bedeutungsinhalt der kleinen pointierten Darstellung: Ein junges Mädchen trägt einen kleinen, kaum den Windeln entwachsenen Jungen auf ihren Armen. Ein wenig altklug spricht dabei der berlinerische Witz aus dem Mund der kleinen „Mutter“: Nichts im Kopf, nur die Hosen voll, könnte man den titelgebenden Satz fortführen.
Forschen Schrittes geht das wohl genährte, rotwangige Mädchen mit dem Gör im Arm voran. Trotz Löchern in den Socken und mit ausgetretenen Latschen bekleidet blickt es den Betrachter keck an. Der kleine pausbäckige Junge, zu müde oder, trotz neuer Schuhe, gar zu bequem zum Laufen, hat die Arme um den Hals seiner zupackenden Trägerin geschlungen. Arglos schauen dabei unter seinem Kittelchen die nackten Beinchen und der Unterleib hervor.
Zille, selbst Vater von drei Kindern, widmet sich während seines gesamten künstlerischen Schaffens immer wieder der reinen Kinderdarstellung. In liebevoller Art und Weise fängt er die Eigenheiten und die Charakteristiken der Berliner Rangen ein. Auf humoristische und zugleich sozialkritische Weise gibt er in unzähligen Variationen Einblick in das Leben der Kinder auf den Berliner Straßen und Märkten, zeigt sie beim gemeinsamen Spiel, in Freibädern und auf dem Rummelplatz oder erfasst sie voller Anteilnahme in ihrem oftmals mühseligen Alltag in den Hinterhöfen der Berliner Mietskasernen. In diesem Zusammen-hang nimmt auch die Thematik der kleinen Mütter, jene Mädchen, die selbst noch in den Kinderschuhen stecken und vorwitzig die Obhut über ihre jüngeren Geschwister übernehmen, eine zentrale Rolle in Zilles Kunstschaffen ein. Das hier vorliegende Blatt mit dem kleinen selbstbewussten Geschwisterpaar illustriert dies auf ganz prägnante und anschauliche Weise.
In der aus dem Spätwerk des Künstlers stammenden Tuschfeder-zeichnung ist zudem nichts mehr von den Anstrengungen zu spüren, die Zille auf sich genommenen hat, um seine Zeichenkünste durch fortwährendes Üben zu schulen und zu verbessern. Selbstkritisch äußert er sich über seine künstlerische Entwicklung: „Das ist alles nur mit Gewalt gemacht! (…) Weil ich es gewollt habe. (…) Weil ich jedes kleine Ding beobachtete und abzeichnete. Jeden alten Latschen. Jeden krumm getreten Stiebel. Jede alte Gosse. Jeden Straßenwinkel.“1)
Mit spielerischer Leichtigkeit und flotter Hand führt Zille in dieser Zeichnung die Feder über das Papier und erfasst die beiden Kinder mit wenigen Konturen setzenden Strichen. Farbige Akzente unterstreichen die frohgemute Atmosphäre. „Ein paar Linien, ein paar Striche, ein wenig Farbe mitunter – und es sind Meisterwerke“2), bemerkt die Zeitgenossin und Künstlerkollegin Käthe Kollwitz in Bezug auf Zilles charakteristischen Berliner Milieuschilderungen.
Anm.:
1) Zitiert in: Matthias Flügge/ Hans Joachim Neyer (Hg): „Heinrich Zille – Zeichner der Großstadt“, Ausst. Kat. Wilhelm-Busch-Museum Hannover, Dresden 1997, S. 12.
2) Zitiert ebenda, S. 20.
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