Käthe Kollwitz, Mutter mit Kind über der Schulter, vor 1917
Käthe Kollwitz
«Mutter mit Kind über der Schulter»
Bronze ; vor 1917 ; 46 x 0 cm
Signiert und "6 /10" nummeriert
Gießerstempel "H. Noack Berlin" auf der Rückseite
Provenienz:
Privatsammlung Niederlande
Ausstellung:
Jahrhunderthalle Hoechst, “Käthe Kollwitz 1867-1945. Zeichnungen, Druckgraphik, Skulpturen aus dem Bestand der Galerie Pels-Leusden, Berlin, und anderen Sammlungen”, Berlin 1985
Cabot Museum, “Käthe Kollwitz (1867-1945) – tekening, grafiek, sculpturen/Zeichnungen, Grafik, Skulpturen”, Rotterdam 1995
Kunstkreis Südliche Bergstraße-Kraichgau e.V., “Käthe Kollwitz. Meisterwerke aus dem Käthe-Kollwitz-Museum Berlin. Zeichnungen, Grafik, Bronzen”, Wiesloch 1995
Literatur:
“Käthe Kollwitz. Meisterwerke aus dem Käthe-Kollwitz-Museum Berlin. Zeichnungen, Grafik, Bronzen”, Ausst.-Kat., Wiesloch 1995, Abb. S. 193
“Käthe Kollwitz (1867-1945) – tekening, grafiek, sculpturen/Zeichnungen, Grafik, Skulpturen”, Ausst.-Kat. Cabot Museum, Rotterdam 1995, m. Abb. S. 50
“Käthe Kollwitz 1867-1945. Zeichnungen, Druckgraphik, Skulpturen aus dem Bestand der Galerie Pels-Leusden, Berlin, und anderen Sammlungen”, Berlin 1985, Kat.-Nr. 133;
Die Bronze „Mutter mit Kind über der Schulter“ zählt zu den Hauptwerken des relativ kleinen plastischen Œuvres von Käthe Kollwitz. Es sind lediglich ca. 25 Skulpturen, viele von ihnen eher kleinformatig, bekannt. Wie ihre Zeichnungen und Grafiken spiegeln aber auch die Plastiken äußerst direkt und intensiv nachfühlbare menschliche Emotionen wider: Im Wesentlichen sind es Leid und Elend – sie selbst erlebt bittere Armut, zwei Weltkriege und verliert im Krieg einen Sohn – die in der Mehrzahl ihrer Werke Ausdruck finden. Ebenso intensiv erlebt sie jedoch auch sehr positive Emotionen wie die innige und bedingungslose Liebe zwischen Mutter und Kind, der sie einige entscheidende Hauptwerke widmet. Hierzu stellt die Künstlerin über sich selbst fest: „Es sind mir drei Dinge wichtig in meinem Leben: dass ich Kinder gehabt habe, dass ich einen solch treuen Lebenskamerad gehabt habe und meine Arbeit.“1)
Auch die vorliegende Bronze hat die Beziehung von Mutter und Kind zum Thema. Sie zeigt ein Kleinkind, das geradezu spielerisch auf die Schulter der Mutter zu klettern scheint. Dabei ist der Körper der Mutter stark gekrümmt und bringt deutlich die Anstrengung zum Ausdruck, mit der sie ihr Kind bei seinem Unterfangen nach Kräften zu stützen und zu halten versucht. Neben der Gegenüberstellung von Leichtigkeit und Anstrengung beeindruckt die Skulptur aber vor allem durch ihr außergewöhnliches Volumen und die große Präsenz, die an das Werk Auguste Rodins erinnern, den Kollwitz während ihres Aufenthaltes an der Académie Julien 1904 in Paris kennenlernt: Es ist zum einen der blockhafte, organisch geformte Korpus, aus dem sich die Dargestellten herauszuschälen scheinen, zum anderen die Vereinfachung der Form und der Verzicht auf, vom Ausdruck ablenkendes Beiwerk, die Parallelen zu den Figuren des französischen Bildhauers aufzeigen. Kollwitz äußert, Bezug nehmend auf die großen Qualitäten der Werke Rodins, einmal selbst: „Worin lag das Zwingende, Überzeugende, leidenschaftlich Hinreißende seiner Schöpfungen? Darauf kann ich nur antworten: In seinem Vermögen, dem seelischen Gehalt die plastisch Überzeugende, nur diesem Gehalt zugehörende Form zu finden.“2) Auch in unserer Plastik gelingt es Kollwitz meisterlich, die Darstellung auf die innige Beziehung zwischen Mutter und Kind und die intensive Hingabe der Mütter zu reduzieren und somit ein Werk zu schaffen, das in seiner Aktualität bis heute nicht an Bedeutung verloren hat.

Anm.:
1) Käthe Kollwitz, „Briefe der Freundschaft“, München 1966, S. 137.
2) Nadine Lehni, „Damals gab es für mich in der ganzen neuzeitlichen Plastik einzig Rodin…“. Das Verhältnis von Käthe Kollwitz zu Auguste Rodin, in: „Paris bezauberte mich…“ Käthe Kollwitz und die französische Moderne, Ausst. Kat. Käthe Kollwitz Museum Köln, 29. Oktober 2010 – 16. Januar 2011, München 2010, S. 191-203, hier: S. 192.
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