Blumenstillleben
Karl Schmidt-Rottluff
«Blumenstillleben»
Aquarell ; 1961 ; 50 x 69 cm
Signiert und mit einer Widmung versehen "für Lili und Andor Földes" sowie "22.4.61" datiert
Schon früh kristallisieren sich in Karl Schmidt-Rottluffs Schaffen die maßgeblichen Themenbereiche heraus: Landschaften, Stillleben, Akte und Bildnisse. Zu diesen Motiv-komplexen wird der Autodidakt und Mitbegründer der Künstlergruppe „Brücke“ ein umfangreiches Gesamtwerk erarbeiten. Dabei nehmen die Aquarelle einen den Gemälden vergleichbaren Stellenwert ein. Im Spätwerk des Künstlers ziehen sich die Menschen dann nahezu gänzlich aus seinen Bildern zurück. Schmidt-Rottluff, der seit 1911 seinen Wohnsitz in der Berlin hat, flieht die Stadt und die Menschen. Die Tendenz zur Zivilisationsflucht verstärkt sich mit zunehmendem Alter, und das Erlebnis des Auf-Sich-Zurück-geworfen-Seins während der Zeit des Arbeitsverbots hat den Drang danach offensichtlich noch stark gefördert. Es entstehen von nun an fast nur noch Stillleben und Landschaften von seiner Hand.
Schmidt-Rottluff entwickelt in seiner Frühzeit eine starkfarbige, monumentale Malerei, die aus dem Mitwirken an der Natur ihre dichterische Kraft bezieht - eine Art monumentaler Naturlyrismus. In späterer Zeit wird die betonte Sinnlichkeit der früheren Arbeiten dann jedoch zurückgenommen. Die Farben werden leiser, subtiler, verinnerlichter. Was unverändert bleibt, ist die Kraft des Sehens, des Erkennen eines Motivs und die Möglichkeit, die wesentlichen Elemente vereinfachend herauszuheben. So steht in unserem „Blumenstillleben“ ein großer prächtiger Strauß mittig im Bild, der das großformatige Blatt an seinen Rändern noch zu sprengen sucht. Ganz dicht in den Vordergrund gerückt sind die Blumen, so dass sie für den Betrachter zum Greifen nah erscheinen. Die blaue Vase, die angeschnitten am unteren Bildrand erkennbar wird, hat offensichtlich vor der lebendigen, wuchernden Kraft der Blumen keinen rechten Ort mehr gefunden. In einem Dreiklang von Rot, Weiß und Grün haben die Blüten eine leuchtende Strahlkraft, die noch durch den gelben Hintergrund gesteigert wird.
Erinnerungen an die Lehren Cézannes wirken jetzt beim Bildaufbau Schmidt-Rottluffs mit. Er versucht mit ihrer Hilfe zu Kompositionen zu kommen, die einem Verlangen nach allgemeinerer Gültigkeit entsprechen. Die frühen subjektiven Ausdeutungen der Natur will der Künstler nun durch formal strenge Gesetzmäßigkeit ersetzen, höhere Sinngebung mit organisierten Ordnungen erreichen und damit seine Kunst aus der Sphäre des Nur-Erlebnishaften, Unbewussten rücken. Das Bild wird zu einer Einheit miteinander verzahnter Teile, die einzeln für sich genommen, schwer lesbare geometrische Umschreibungen für Formen der Natur sind, im Bild aber untereinander rhythmische Beziehungen gewinnen.
Es findet im Spätwerk Schmidt-Rottluffs eine Verwandlung im Duktus der bildnerischen Handschrift statt, worüber gerade die Aquarelle Aufschluss geben. Die Umrisslinie, die früher schnittig und energisch durchgezogen wurde, verliert jetzt ihre äußere Gespanntheit. Sie wird durchlässiger und eine gläserne, splittrige Brüchigkeit scheint zu obwalten. Die Dinge verlieren ihre Erdenschwere und ziehen sich in einen Bereich jenseits ihrer substantiellen Fassbarkeit zurück, fast so als seien die sichtbaren Formen nur mehr ihre Stellvertreter. An Stelle der früheren Vitalität setzt bei Schmidt-Rottluff eine besinnliche Gelassenheit ein. Die Töne werden zwar sorgfältig differenziert, der Bildaufbau stufenweise organisiert, und bisweilen wird mit schlichten Gegenständen eine große, ruhige Wirkung erreicht. Er malt die einfachsten Dinge und erhebt das Alltägliche zu glanzvoller Schönheit und Intensität. Es ist erstaunlich, dass dieser Maler in seinen späten Bildern, vor allem in seinen Blumenaquarellen, nun Atmosphärisches zu geben weiß, dass dieser robuste Mann nun zerbrechliche Ordnungen und zarte Töne findet.
Mehr Informationen erhalten Sie unter: mail@ludorff.com