Die Allee im Tiergarten ist ein von Ury bevorzugtes Motiv, mit dem er sich häufig auseinandersetzt. Auf unserem kleinen Ölgemälde von 1926 ist eine Regensituation wiedergegeben. Die Autos fahren entlang der sich in die Tiefe verjüngenden Allee. Am Horizont bricht die Sonne in warmen, gelb-roten Farbtönen durch den regengrauen Himmel. Dieses Licht spiegelt sich ebenso wie die Automobile und Bäume der Allee auf dem regennassen Asphalt. Rechts und links wird die Straße von Bürgersteigen gesäumt. Auf ihnen bewegen sich die vorbeieilenden Passanten mit aufgespannten Regenschirmen.
Mit schnellem Pinselstrich hält Ury die Personen in leuchtendem Violett, Grün oder Rot teilweise nur schemenhaft fest. Sie fügen sich perfekt in die Gesamtstimmung des Gemäldes ein. Um diese direkten Eindrücke, die ihm die jeweiligen Stadtszenen bieten, noch vor Ort festhalten zu können, lässt er sich eine besondere Konstruktion bauen. Karl Schwarz, der ihn lange persönlich kennt, berichtet: „Er hatte sich einen kleinen Malkasten anfertigen lassen, der Tubenbehälter, Palette und Staffelei in einem war und den er bequem in der linken Hand halten konnte. Der aufgeklappte Deckel, in den er ein Brettchen oder eine Pappe in Postkartengröße legte, diente als Staffelei.“1)
Die kleinformatigen Bilder studiert er in seinem Dachgeschossatelier am Nollendorfplatz 1 nochmals und verwendet sie als Anregung für weitere größere Arbeiten, die er dort ausführt.
Im gleichen Jahr, in dem unser Ölgemälde entsteht, reist Ury für zwei Wochen nach London. Dort arbeitet er unermüdlich. Nach seiner Rückkehr werden die Londoner Bilder in Kombination mit Arbeiten aus Berlin in der so genannten Kunst-Kammer des Galeristen Martin Wasservogel unter dem Titel „Lesser Ury – Neue Bilder aus zwei Weltstädten London – Berlin“ ausgestellt.2)
Diese späte Schaffensperiode, während der Ury sich für einen kurzen Zeitraum in Paris aufhält, wird in der Literatur häufig als der Höhepunkt seiner Großstadtgemälde bezeichnet: „Im letzten Jahrzehnt seines Lebens sind denn auch drei Höhepunkte zu verzeichnen, in denen er den Gipfel seiner unnachahmlichen Großstadtdarstellungen erreichte: 1926 war Ury für zwei Wochen in London und schuf dort in einem wilden Arbeitstaumel, in dem er sich bis an den Rand der Erschöpfung verausgabte, eine Anzahl außerordentlicher Werke. […] im Frühjahr 1928, ist der schwer Leidende wieder in Paris. […] Dann ist es immer wieder und bis zuletzt Berlin […]“3).
Anmerkungen:
1) Hermann Schlögl/Karl Schwarz, „Lesser Ury – Zauber des Lichts“, Ausst.-Kat. Käthe-Kollwitz-Museum, Berlin 1995, S. 79.
2) Ebenda, S. 53.
3) Ebenda, S. 79.
Lesser Ury
Birnbaum bei Posen, 1861 - 1931, Berlin
Lesser Ury
«Berliner Allee im Tiergarten bei Regen»
Öl auf Leinwand, vom Künstler auf Karton gezogen ; 1926 ; 9,2x15,7cm
Signiert und datiert
Mehr Informationen erhalten Sie unter: mail@ludorff.com