Lesser Ury, Droschken im Tiergarten, ~ 1922
Lesser Ury
«Droschken im Tiergarten»
Pastell ; ca. 1922 ; 36 x 50 cm
Signiert
Provenienz:
Privatsammlung Hamburg; Privatsammlung Berlin (?)
Neben Max Liebermann ist Lesser Ury einer der ersten Vertreter der deutschen impressionistischen Freilichtmalerei. Ganz in der Tradition Menzels, doch mit sehr viel stärkerem Interesse für malerische Lichtbrechungen und Beleuchtungseffekte malt Ury zahlreiche Straßenszenen. Sie entstehen vor allem in Berlin, aber auch auf Reisen in London oder Paris. In ein Meer von Farben scheint man einzutauchen, wenn man das Bild "Droschken im Tiergarten" betrachtet, das um 1922 entstanden ist. Ströme von Farben vermischen sich, gehen ineinander und breiten sich als alles erfassender Teppich vor dem Auge des Betrachters aus.

Der Betrachter wird unmittelbar in die Szene hineingezogen. Er steht in der Mitte der mehrspurigen Allee. Die schwarzen Automobile fahren in zwei Kolonnen nebeneinander direkt auf ihn zu. Der Blick ist in die Ferne auf den Fluchtpunkt gerichtet, der sich im Himmelsblau zwischen den Bäumen und Droschken verliert. Neben den Autos wird die breite Allee noch von einer gelben Straßenbahn rechts im Bild befahren. Am Rand reihen sich dicht nebeneinander Bäume in sattem Grün auf. Als kompositorisches Pendant zum Asphalt der Straße wird zwischen den Bäumen der Blick auf den Himmel frei. Wie ein hellblauer, von weißen Wolken durchzogener Keil tut er sich auf und lässt die Bäume in den prächtigsten Nuancen von Dunkel- über Hellgrün bis hin zu Gelb erstrahlen. Zahlreiche Lichtpunkte tanzen fröhlich in diesem Farbreigen und sorgen für leichte Bewegung. Es scheint ein Spätsommertag zu sein. Die Menschen, die auf der Straße spazieren sind farbenfroh und kurz bekleidet. Das Licht wirft allerdings schon längere Schatten auf den Asphalt, der in unterschiedlichen Farbnuancen von Braun und Grau, aber auch kräftigem Rot, Gelb und Blau angelegt ist.

Ury baut seine Bilder aus Flecken starker Farben auf. Diese überträgt er direkt von der Natur auf die Leinwand, indem er versucht, den Tonwert der Farbe zu fixieren. Das geschieht jedoch nicht im Sinne eines impressionistischen Programms, nach dem die durch das Licht getrennten Flecken erst durch das Auge gebunden werden. Der Maler vermeidet die grautonige Luftmalerei, die alles in einen leichten Schleier hüllt, denn er will vor allem leuchtende, starke Farben wiedergeben, wie sie ihm beispielsweise mit dem saftigen Grün der Bäume gelingen, das bei aller Sattheit hervorleuchtet.1) Ury verfügt dabei über kein Farbsystem oder reflektiert seine Vorgehensweise. Es ist vielmehr eine intuitive, emotionale Leistung, die er im Schaffen vollbringt. Der Kunstkritiker Franz Servaes beschreibt schon früh die Verfahrensweise des Malers treffend, indem er ausführt, Ury sei "nicht auf Wiedergabe der den Dingen anhaftenden Eigenfarbe aus", sondern er studiere "die Veränderungen, denen diese Eigenfarbe durch die Entwicklung atmosphärischer Einflüsse und durch das nachbarliche Zusammenstoßen verschiedenartiger Farbelemente ausgesetzt ist". Ury zeige wie das Blattgrün in der Nähe eines roten Daches "für das menschliche Auge eine gelbe Nuance" bekomme, "während es sich gegen das lichte Himmelblau in dunklerem Blau" abhebe.2)

So nah Ury in seinen Arbeiten der Wirklichkeit sein mag, sie sind keine bloßen Abbilder eines Stücks gesehener Natur. Die Momentaufnahme einer so gesehenen Szenerie interessiert ihn wenig. Die Künstler will in den Bildern vielmehr seinem eigenen Erleben Ausdruck verleihen. So abstrahiert Ury von der existenten Wirklichkeit, er gibt den Dingen ein von ihrer Eigenfarbe losgelöstes Kolorit. Ein Gesamterlebnis von Licht und Raum breitet sich vor dem Betrachter aus.

1) Hermann Schlögl/Karl Schwarz: Lesser Ury - Zauber des Lichts, Berlin 1995, S. 77
2) Franz Servaes: Lesser Ury", in: Die Zukunft 33, Berlin 1900, S. 306.
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