Lesser Ury zählt mit zu den führenden Vertretern des deutschen Impressionismus. Eine erste Ausstellung im Jahre 1890 ermöglichte ihm der Galerist Fritz Gurlitt, der oftmals jüngere Talente förderte. Es war das erste Mal, dass Lesser Ury seine Bilder einer größeren Öffentlichkeit vorstellte und es wurde ein denkwürdiger Tag. Die Reaktion des Publikums nahm den Verriss der Ausstellung in der Presse bereits vorweg. „Verrückt“, klang es aus den Reihen der Besucher und selbst der Bruder des Galeristen, Cornelius Gurlitt, empfand zunächst ähnlich, als er das erste Mal vor die Bilder trat. „›Verrückt‹ hörte ich neben mir sagen. Sehr richtig. Ganz verrückt! Eine Reihe von schwarzen Klecksen auf einer mit dem Spachtel aufgetragenen Fläche! Dieses sieht aus wie der von der Palette zusammengekratzte Farbenrest, in welchem das Kremserweiß vorwiegt! Und daneben Farbenragout. [...]“, schreibt der Kunsthistoriker Cornelius Gurlitt und fragt sich alsdann: „Was soll aus der deutschen Kunst noch werden, wenn solche Schmierereien in ihrem heiligen Bereiche geduldet werden! Keine Spur von Korrektheit der Zeichnung, von Rhythmus in der Komposition, von Wohlklang in der Farbharmonie, von der echten unvergänglichen Schönheit alter Meister!“1)
Als Cornelius Gurlitt im Anschluss an die Ausstellung zur mentalen Zerstreuung durch die Straßen läuft, verändert sich plötzlich seine Wahrnehmung. Im Nachklang der Ausstellung beginnt er mit den Augen Lesser Urys zu sehen: „Ein grauer Himmel, ein gewaltiger Regenguss war eben niedergegangen. Die Straße triefte. [...] Heller aber, glänzend funkelnd wie weißglühendes Metall lag die Straße vor mir, deren feuchte Flächen alles Licht des Himmels aufzufangen und auf das geblendete Auge zurückzuwerfen schienen. Wagen auf Wagen rollte daher. Die glänzenden Decken der Coupés bildeten eine unruhige bewegte Schlangen-linie [...]. An dem Geschirr der Pferde, auf den nassen Kleidern der Vorübergehenden, auf den zum Teil noch offenen Schirmen, an den Ladenfenstern fing sich hier und da noch ein weißer Lichtstrahl. [...] Auf weitere Entfernung unterschied selbst das schärfste Auge kaum noch die Einzelheiten, [...]. An der Ecke festgebannt, staunte ich in das neue glänzende Bild, welches mir die schöne Straße des neuen Berlins bot. [...] Am nächsten Tag sah ich mir die Bilder Lesser Urys mit anderen Augen an. Da sah ich einen Künstler, dem es Ernst ist zu geben, was die Natur lehrte, einen Mann, dessen Schaffen wohl noch der Klärung bedarf, dem wir aber danken sollen, dass er versucht zu malen, wie er es sieht!“2)
Urys eindringliche Schilderungen des Atmosphärischen, das Erfassen des Verschwommenen, die Wiedergabe des Hell-Dunkelspiels gehen über die reine Wiedergabe der äußeren Erscheinungswelt hinaus. Lesser Urys Gemälde sensibilisieren den Betrachter für außergewöhnliche Sinneseindrücke. Die schummrigen Zwischenwelten zwischen Sonne und Regen, zwischen Tag und Nacht berühren uns immer wieder tief in unserem Innersten und man erlebt eine nie wahrgenommene Schönheit, bei der selbst eine profane Straßenszene mit Droschken und Automobilen zu einem besonderen Moment werden kann.
Anmerkungen.:
1) Zitiert nach: Hermann Schlögl/Karl Schwarz, „Lesser Ury - Zauberer des Lichts“, Aust.-Kat., Käthe-Kollwitz-Museum, Berlin 1995, S. 24
2) Ebenda, S. 25.
Lesser Ury
Birnbaum bei Posen, 1861 - 1931, Berlin
Lesser Ury
«Straße im Tiergarten mit Equipagen»
Öl auf Leinwand ; um 1920 ; 52x37cm
Signiert
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