Zwei Mädchen, eine an einem Baum gelehnt, die andere links vorne im Gras sitzend
Otto Mueller
«Zwei Mädchen, eine an einem Baum gelehnt, die andere links vorne im Gras sitzend»
Aquarell und farbige Kreide auf Papier ; um 1927 ; 68 x 52 cm
Signiert
Nach einer auf Wunsch seines Vaters absolvierten Lithografenlehre, studiert Otto Mueller ab 1894 an der Dresdner Kunstakademie Malerei und geht im Anschluss daran nach München, um seine Ausbildung an der Akademie der Bildenden Künste fortzusetzen. Mueller wird jedoch nicht mehr zum Wintersemester aufgenommen und zieht nach Wolfratshausen, wo er sich nun autodidaktisch weiterbildet. Im Herbst 1899 wechselt er von München nach Dresden, wo er bis 1908 bleibt. Anfang des Jahres 1908 siedelt er mit seiner Muse und ersten Ehefrau Maschka nach Berlin über. Hier knüpft er Bekanntschaft zu Ernst Ludwig Kirchner und Erich Heckel, die die Künstlervereinigung "Die Brücke" gegründet haben, in der er von 1910 bis 1913 Mitglied ist.

In jenen Tagen, die mit Ausflügen an die Moritzburger Seen und gemeinsamem Malen ausgefüllt sind, entwickelt sich Muellers großes Interesse am Thema der Badenden, welches ihm eine lebenslange Inspirationsquelle bleiben wird. Mueller meldet sich zum Ersten Weltkrieg als Freiwilliger und zieht sich 1917 eine schwere Lungenentzündung zu, deren Spätfolgen ihn für den Rest seines Lebens begleiten werden. Nach dem Krieg erhält er 1919 eine Professur an der Staatlichen Akademie für Kunst und Kunstgewerbe in Breslau, die er bis 1930 innehat.

Unser Blatt ist ein Zeugnis aus den Sommermonaten der Jahre 1924 bis 1927, in denen der Künstler die Balkanländer bereist und an seinen bekannten Zigeunerbildern arbeitet. „Ich reise heut Sonnabend wieder zurück erst nach Budapest wo ich noch einige Tage bleiben will – ich habe hier viele Zigeuner gezeichnet und photographiert […]“1), schreibt Mueller an seine ehemalige Frau Maschka, zu der er auch nach der Trennung Anfang der 20er Jahre regen Kontakt hält.

Zwischen Schilf und Gras sind zwei junge Mädchen eingebettet. Die eine dem Betrachter sitzend abgewandt und die andere am Baumstamm lehnend mit verschränkten Armen und ihrem Blick nachdenklich nach unten gerichtet. Die zwischen den Grasbüscheln schweigsam hingegebenen Mädchen erinnern in ihrer Physiognomie an Maschka, dessen kubistisch anmutende Gesichtszüge zu einem Charakteristikum im Œuvre des Malers Otto Mueller werden. Mueller konturiert mit sicherem Strich in blauer und schwarzer Kreide die Figuren, wodurch sich eine Rhythmisierung der Komposition ergibt. Die warmen Erdtöne und die grüne Farbe harmonieren zwischen den Linien und dem im Hintergrund blau durchschimmernden Himmel. So vermag der Künstler, die absolute Ruhe der Natur wiederzugeben und eine tief empfundene Stimmung nacherleben zu lassen. Es rauschen keine Baumwipfel im Wind, kein Wettergrollen, nur die Stille dominiert. Es sind die wenigen Momente, in der sich der Mensch von Zeit und Raum befreit, unbeobachtet und zwanglos fühlt und im Einklang mit der Natur steht, nach denen Mueller zeitlebens sucht. Erich Heckel erinnert sich wie folgt: „Otto Mueller hatte in seinen Bildern auf manches verzichtet, was den Zeitgenossen wichtig schien, um das Wesentliche zu gewinnen. Dieselbe Übereinstimmung musste sich auch in der gesamten Lebensform, in der Einstellung zur Umwelt und zur Kunst zeigen. Allem Virtuosen, Dogmatischen, Pathetischen (war er) abgeneigt, allem Menschlichen offen.“2)

Anmerkungen:
1) Andreas von Lüttichau, „Otto Mueller – Ein Romantiker unter den Ex- pressionisten“, Köln 1993, S. 121. Otto Mueller in einem Brief (wohl August 1929) an Maschka.
2) Zitiert nach Lothar-Günther Buchheim, „Otto Mueller“, Feldafing 1963, S. 19.
Ausführliche Informationen zum Download: Werkangaben als PDF
Mehr Informationen erhalten Sie unter: mail@ludorff.com