Überblick Renée Sintenis, Daphne, 1917
Daphne
Bronze ; 1917 ; 29 x 5 x 5 cm
Signiert mit dem Monogramm sowie Gießerstempel "H. Noack Berlin" auf der Rückseite
Provenienz:
Galerie Westendorp, Düsseldorf (1940); Privatsammlung Rheinland
Ausstellung:
Georg-Kolbe-Museum/Kulturgeschichtliches Museum/Ostdeutsche Galerie/Galerie im Alten Rathaus/Leopold-Hoesch-Museum, "Renée Sintenis – Plastiken, Zeichnungen, Druckgraphik", Berlin/Osnabrück/Regensburg/Friedberg/Düren 1983/84
Haus am Waldsee, "Renée Sintenis – Das plastische Werk, Zeichnungen, Graphik", Berlin 1958
Galerie Alfred Flechtheim, "Marie Laurencin/Renée Sintenis", Berlin 1925
Künstlerhaus Palais Thurn und Taxis, "Professor Renée Sintenis. Das plastische Werk, Zeichnungen und Graphik. Johann Michael Wilm. Ein Altmeister der deutschen Goldschmiedekunst", Lindau/Bregenz 1961
Kunstsalon Paul Cassirer, "Die Sammlung H./Berlin. Gemälde alter und moderner Meister. Moderne Plastik", Luzern 1931
Literatur:
Gustav Eugen Diehl, "Renée Sintenis", Berlin o.J.
Ursel Berger/Günter Ladwig (Hg.), "Renée Sintenis - Das plastische Werk", Berlin 2013
Georg-Kolbe-Museum, "Renée Sintenis - Plastiken, Zeichnungen, Druckgraphik", Ausst.-Kat., Berlin 1983
Hildegard Westhoff-Krummacher, "Die Bildwerke seit 1800 im Wallraf-Richartz-Museum und im öffentlichen Besitz der Stadt Köln", Köln 1965
Senator für Volksbildung/Haus am Waldsee, "Renée Sintenis - Das plastische Werk, Zeichnungen, Graphik", Ausst.-Kat., Berlin 1958
Hanna Kiel, "Renée Sintenis", Berlin 1956
Hanna Kiel, "Renée Sintenis", Berlin 1935
René Crevel/Georg Biermann, "Renée Sintenis", Berlin 1930
Galerie Alfred Flechtheim, "Marie Laurencin/Renée Sintenis", Ausst.-Kat., Berlin 1925
Paul Cassirer/Théodore Fischer, "Die Sammlung H./Berlin. Gemälde alter und moderner Meister. Moderne Plastik", Ausst.-Kat., Luzern 1931
Wolfgang Stechow, "Apollo und Daphne", Leipzig/Berlin 1932
Wer kennt sie nicht, die kleinen Tierbronzen von Renée Sintenis, die staksigen Fohlen, die tapsigen jungen Hunde und viele charmante Tierfiguren mehr. Mit „Tiere machen“ bezeichnete Sintenis ihre künstlerische Tätigkeit. Doch in ihrem Werk gibt es auch Menschengestalten – und mit Darstellungen junger Frauen begann die Künstlerin vor dem Ersten Weltkrieg ihr plastisches Werk. Die Rehe und Fohlen kamen erst später.
Die meisten der zarten, schlanken Mädchenfiguren sind deshalb bedeutsam, weil sie einen Einblick in die schwierigen Anfänge der Künstlerin geben. Sie war aus dem Elternhaus davongelaufen, weil sie nicht als Sekretärin für ihren Vater arbeiten, sondern sich als Künstlerin beweisen wollte. Sie fand bei einer Freundin Unterschlupf, die der angehenden Bildhauerin auch Modell stand.
Doch stand sie sich nicht selbst Modell? Zumindest haben die meisten der überschlanken ersten Frauenfiguren etwas von der ungewöhnlichen Ausstrahlung der jungen Künstlerin. Mit ihrer Größe von ein Meter achtzig überragte sie damals die meisten ihrer Mitmenschen, auch die meisten Männer. Ihre Schlankheit und die markanten Züge mit der recht großen Nase machten sie unverwechselbar. Am deutlichsten meint man sie in der berühmtesten ihrer Frauenstatuetten zu erkennen: der Daphne. Diese Figur von 1917 bildet den Höhepunkt und gleichsam den Abschluss der Gruppe der Frauengestalten.
Sie ist die einzige weibliche Statuette, die bald nach ihrer Entstehung großen Anklang fand. Sintenis’ Galerist Alfred Flechtheim plante eine Auflage von 25 Bronzen und drei Silbergüssen. Bisher ist unklar, ob diese Auflage vor dem Zweiten Weltkrieg erreicht wurde. Da von der Daphne das Gussmodell erhalten blieb, konnte die Künstlerin auch danach weitere Bronzen in der Berliner Bildgießerei Hermann Noack herstellen lassen. Die Gesamtzahl der Güsse ist unbekannt.
Die Daphne ist im Übrigen die einzige Menschenfigur, die Sintenis auch in großem Format ausführte. Diese Statue entstand 1930 im Auftrag des Lübecker Museumsdirektors Carl Georg Heise und wurde als vergoldete Bronze im Garten des Lübecker Behn-Hauses aufgestellt: gleichsam ein modernes Götterbild.
Ungewöhnlich im Werk von Renée Sintenis ist, dass die Daphne auf ein mythologisches Thema zurückgreift. Die Flussnymphe flieht vor dem liebestollen Gott Apoll und entzieht sich ihm endgültig, indem sie sich in einen Lorbeerbaum verwandelt. In den Metamorphosen des Ovid liest man (in deutscher Übersetzung):

„Die weichen Brüste werden von zarter Rinde umschlossen, die Haare werden zu Laub, die Arme wachsen als Äste; schon wird der flinke Fuß von trägen Wurzeln gehalten…“

So kennt man die Nymphe aus der furiosen Gruppe Apollo und Daphne von Gianlorenzo Bernini.
Sintenis reduzierte die antike Geschichte auf die Frauengestalt, deren Verwandlung nur andeutungsweise – durch ein paar Blätter an den Armen und im Haar – dargestellt wird.
Es ist sicherlich von Bedeutung, dass die am meisten selbstbildnishafte Statuette von Renée Sintenis gleichsam in eine mythologische Erzählung gehüllt ist. Sie selbst berichtete, wie schüchtern und zurückhaltend sie in ihrer Jugend gewesen war. Nun fand die angehende Künstlerin sowohl für ihr Werk als auch für ihre persönliche Erscheinung viel Zuspruch. In den 1920er Jahren wurde sie regelrecht zu einer Ikone der modernen Frau. In der Daphne scheint sie sich 1917 vor allzu großer Verehrung zurückziehen zu wollen.


Ursel Berger, ehemalige Direktion des Georg-Kolbe-Museums Berlin
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