Serge Poliakoff
Moskau, 1900 - 1969, Paris
Serge Poliakoff
«Composition verte, rouge et bleue»
Gouache ; 1965/66 ; 48 x 62 cm
Serge Poliakoff findet über die Farbtheorien des Orphismus und den Gestaltungsprinzipien des niederländischen De Stijl zu einem synthetischen Kubismus, der sich in einer patchworkartigen, von den Rändern zur Mitte hin verdichtenden Bildstruktur und in Farbflächen von großer Intensität äußert. Zunächst geben graphische Liniennetze seinen Bildern kompositorischen Halt. Doch bald entsteht unter seinen Händen eine Bildordnung aus freien, asymmetrischen Farbformen, die ein gleichgewichtiges System ausbilden. Poliakoff beschränkt sich hierbei auf einen relativ knappen Formvorrat, mit dem er auch die gemäßigten Bildformate zu einer monumentalen Wirkung steigert. Den gedanklichen Ausgangspunkt seiner Bilder beschreibt der Künstler wie folgt: "Wenn ich mit einer Komposition beginne, denke ich an die Architektur. Genau wie ein Architekt fülle ich hier und da Räume. [...] An Formen denke ich nicht."1) Die Farbe, anfangs noch tonig gedämpft, entfaltet im Laufe der Jahre einen immer stärkeren, bisweilen festlichen Glanz, der häufig in effektvollem Kontrast zu dunkleren Bildfeldern steht. Poliakoffs Überlegungen kreisen zunehmend um die Kraft der Farbe.
In unserer "Composition" hat der Künstler einen Dreiklang aus Rot, Blau und Dunkelgrün zu einer pulsierenden Fläche verwoben. Die einzelnen Farbformen greifen derart ineinander, dass sie sich in einem austarierten Gleichgewicht befinden. Die Komposition des Blattes wird von einer Vertikalachse in der Bildmitte bestimmt. Hier liegt das Zentrum, auf das alle Formen bezogen sind. Es scheint fast, als würde eine leichte Drehbewegung die Konzentration vom Rand her in die Mitte verstärken. Die einzelnen Formen wirken, als seien sie mit der Schere geschnitten. So scharf ist ihr Grat, dass er Übergänge von einer Farb-Form zur nächsten nicht duldet. Dabei ist es nicht mehr die gezeichnete Form, die farbig ist, sondern vielmehr die Farbe, die die Linie erzeugt. Poliakoff kann sich so ganz der Dynamik der Farbe überantworten, um die Spannungen zu definieren, die zwischen ihren Formen und der Modalität ihrer Nachbarschaft entstehen. Wichtiges Anliegen ist es dabei, dass eine Verzahnung der Farbformen in der Fläche stattfindet. Poliakoff webt einen sich ruhig auf und ab bewegenden Bildteppich, wobei auch die einzelnen Formen in sich durch Farbnuancen schwingen. Assoziationen von Vorder- und Hintergrund lässt dieses verwobene Gefüge nicht zu.
Um den potenziellen Möglichkeiten der in einer Komposition vorhandenen Farb-Form-Beziehungen näher zu kommen, variiert Poliakoff seine Strukturprinzip häufig in Serien leicht abgeänderter Kompositionen. Mit seinem fortwährenden Experimentieren versucht er unter anderem herauszufinden, ob manche Formen auch in unterschiedlichen Umgebungen ihre Stichhaltigkeit bewahren.
Dabei sind sowohl der Bildträger als auch das Format für Poliakoff von untergeordneter Bedeutung. Überhaupt sind für ihn Gemälde, Gouachen und Graphik gleichwertig. Die Wahl ob Papier oder Leinwand hängt vor allem von den Umständen ab. Meistens verwendet der Künstler auf Reisen die praktischen Materialien, wobei er trotzdem seinen morgendlichen Arbeitsrhythmus strikt beibehält. Unabhängig von Bindemittel und Bildträger benutzt er immer dieselben Pigmente. Auf dem Papier erreicht er das Schimmern durch die mehr oder weniger starke Verdünnung der Pigmente im Wasser. Ein quasi atmosphärisches Zittern an der Oberfläche verleiht der Farb-Form eine spezifische Präsenz, die sich aus lokaler Nachdrücklichkeit und teilweisem Rückzug ergibt, aus jenem Wechsel aus Erscheinen und Verschwinden, das eine Schwingung bedingt.
Anmerkung.
1) Gespräch mit Jacques Michel, in: "Le Monde", 1. September 1967, zitiert nach Gérard Durozoi, "Serge Poliakoff", Angers 2001, S. 91.
In unserer "Composition" hat der Künstler einen Dreiklang aus Rot, Blau und Dunkelgrün zu einer pulsierenden Fläche verwoben. Die einzelnen Farbformen greifen derart ineinander, dass sie sich in einem austarierten Gleichgewicht befinden. Die Komposition des Blattes wird von einer Vertikalachse in der Bildmitte bestimmt. Hier liegt das Zentrum, auf das alle Formen bezogen sind. Es scheint fast, als würde eine leichte Drehbewegung die Konzentration vom Rand her in die Mitte verstärken. Die einzelnen Formen wirken, als seien sie mit der Schere geschnitten. So scharf ist ihr Grat, dass er Übergänge von einer Farb-Form zur nächsten nicht duldet. Dabei ist es nicht mehr die gezeichnete Form, die farbig ist, sondern vielmehr die Farbe, die die Linie erzeugt. Poliakoff kann sich so ganz der Dynamik der Farbe überantworten, um die Spannungen zu definieren, die zwischen ihren Formen und der Modalität ihrer Nachbarschaft entstehen. Wichtiges Anliegen ist es dabei, dass eine Verzahnung der Farbformen in der Fläche stattfindet. Poliakoff webt einen sich ruhig auf und ab bewegenden Bildteppich, wobei auch die einzelnen Formen in sich durch Farbnuancen schwingen. Assoziationen von Vorder- und Hintergrund lässt dieses verwobene Gefüge nicht zu.
Um den potenziellen Möglichkeiten der in einer Komposition vorhandenen Farb-Form-Beziehungen näher zu kommen, variiert Poliakoff seine Strukturprinzip häufig in Serien leicht abgeänderter Kompositionen. Mit seinem fortwährenden Experimentieren versucht er unter anderem herauszufinden, ob manche Formen auch in unterschiedlichen Umgebungen ihre Stichhaltigkeit bewahren.
Dabei sind sowohl der Bildträger als auch das Format für Poliakoff von untergeordneter Bedeutung. Überhaupt sind für ihn Gemälde, Gouachen und Graphik gleichwertig. Die Wahl ob Papier oder Leinwand hängt vor allem von den Umständen ab. Meistens verwendet der Künstler auf Reisen die praktischen Materialien, wobei er trotzdem seinen morgendlichen Arbeitsrhythmus strikt beibehält. Unabhängig von Bindemittel und Bildträger benutzt er immer dieselben Pigmente. Auf dem Papier erreicht er das Schimmern durch die mehr oder weniger starke Verdünnung der Pigmente im Wasser. Ein quasi atmosphärisches Zittern an der Oberfläche verleiht der Farb-Form eine spezifische Präsenz, die sich aus lokaler Nachdrücklichkeit und teilweisem Rückzug ergibt, aus jenem Wechsel aus Erscheinen und Verschwinden, das eine Schwingung bedingt.
Anmerkung.
1) Gespräch mit Jacques Michel, in: "Le Monde", 1. September 1967, zitiert nach Gérard Durozoi, "Serge Poliakoff", Angers 2001, S. 91.
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