Kopf eines Javaners
Emil Nolde
«Kopf eines Javaners»
Aquarell auf Japan ; 1913/14 ; 53 x 40 cm
Signiert





Im Jahr 1913 schließt sich Emil Nolde der „Medizinisch-demographischen Deutsch-Neuguinea-Expedition“ an. Nach insgesamt sechs Monaten erreichen Nolde, seine Frau Ada und die weiteren Mitglieder der Expedition über Russland, Sibirien, Korea, Japan und China ihr Ziel in der Südsee.


Die medizinische Zielsetzung der Expedition besteht darin, die hohe Sterbequote der Urbevölkerung in Deutsch-Neuguinea zu erforschen. Noldes Aufgabe während der Südseereise ist jedoch keineswegs darauf festgelegt, die Expedition mit Zeichnungen und Gemälden zu dokumentieren. Vielmehr ist ihm seine Arbeitsweise völlig freigestellt, so dass er sich mit Neugier und Forschergeist ganz der Ursprünglichkeit der Urbewohner widmen kann.


Sein großes Interesse an der Lebensweise und der Kunst der Naturvölker wurde bereits 1911 geweckt. Während seiner Aufenthalte in Berlin entdeckt Nolde im dortigen Völkerkundemuseum die Masken, Figuren und Gebrauchsgegenstände der Naturvölker Afrikas und Ozeaniens, die er zunächst in zahlreichen Zeichnungen festhält und später in Gemälde überträgt. Er ist, wie die befreundeten „Brücke“-Künstler auch, beeindruckt von der Ursprünglichkeit und der intensiven Ausdruckskraft jener fremden Kulturen, die im krassen Gegensatz zur naturentfremdeten Welt des Industriezeitalters stehen.


Betrachtet man das in der Südsee entstandene Werk so überwiegen bei weitem die Darstellungen der Ureinwohner.1) Um die Eingeborenen malen zu können, ist Nolde auf eine schnelle und unauffällige Arbeitsweise angewiesen. Zum einen sind die Begegnungen mit den Ureinwohnern sehr flüchtig, zum anderen hegen die Eingeborenen eine große Skepsis gegenüber dem menschlichen Abbild. Diese Skepsis ist jedoch mehr als nur eine Ablehnung gegenüber dem Fremden. Vielmehr basiert sie auf dem Aberglauben fast sämtlicher Stämme, dass ein anderer Mensch Macht über sie gewinnen könne, sobald er etwas von Ihnen besäße, bspw. ein Haar oder in diesem Fall sogar ein Abbild.2)  Die hieraus resultierenden, teilweise sehr gefährlichen Bedingungen unter denen Nolde malt, beschreibt er in seinen Reiseerinnerungen wie folgt: „Zur Rechten neben mir lag der gespannte Revolver und hinter mir stand, den Rücken deckend, meine Frau mit dem ihrigen, ebenfalls entsichert. Es hat vielleicht noch niemals ein Maler unter solcher Spannung gearbeitet. Meine Farben flossen hin über das Papier vom Moment und dem Willen diktiert.“3)


Unser Aquarell „Kopf eines Javaners“ unterscheidet sich jedoch von der Mehrzahl der sogenannten „Südseeköpfe“, die häufig sehr flüchtige Eindrücke des Dorflebens schildern oder die sehr skeptischen bis aggressiven Mienen der einzelnen Bewohner zum Ausdruck bringen. Vielmehr scheint Nolde das Vertrauen unseres „Javaners“ gewonnen zu haben.


Nolde zeigt das Antlitz des jungen Mannes in frontaler Ansicht und aus nächster, intimer Nähe. Obwohl der Kopf dem Betrachter zugewandt ist, sind seine Augen verschlossen. Sein Blick geht nach Innen. Nolde beschreibt so einen Moment in sich gekehrter Ruhe und scheint hierdurch eine allgemeingültige Aussage über die Menschlichkeit und die Emotionalität der Urbevölkerung treffen zu wollen. Der Ausdruck des Jünglings wird noch gesteigert durch den ausgemalten Hintergrund, der für die Reihe der Südseeköpfe eher als untypisch zu erachten ist. Zumeist bleibt Nolde, wie beschrieben, gar nicht genug Zeit und Ruhe, ein Gesicht ausreichend lange zu beobachten und genau zu studieren.


Nolde ist ein großer Kritiker der Kolonialisierung und der christlichen Missionierung. Die Intention seiner Arbeiten liegt darin, Zeitzeugen festzuhalten und seine sowie künftige Generationen an die vergessene, entfernte Welt der Naturvölker zu erinnern. Seine Sorgen bringt er wie folgt zum Ausdruck. „Alle Urzustände und Urvölker werden entdeckt und europäisiert. Nicht einmal eine kleine Enklave mit Urmenschen bleibt der Nachwelt erhalten. Nach wenigen hundert Jahren grübeln und graben die Gelehrten und Forscher, um tastend etwas zu fassen vom Köstlichsten, das wir hatten, von der primären Geistigkeit, die wir heute so leichtsinnig vernichten.“4)


In der Südsee verbringt Nolde insgesamt nur sechs Monate. Bereits kurz nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges reisen Emil Nolde und seine Frau Ada 1914 umgehend und wiederum auf beschwerlichen Umwegen nach Deutschland zurück. Trotz der relativ kurzen Aufenthaltszeit gelingt es Nolde, wichtige Eindrücke der Menschen und der Landschaft vor Ort in einigen Farbstiftzeichnungen, Aquarellen und Gemälden festzuhalten. Die Werke der Südseereise zählen zu den wesentlichen Errungenschaften in Emil Noldes Werk und sind wichtiger Bestandteil bedeutender Sammlungen des Deutschen Expressionismus.


Anm.:

1) Andreas Fluck, „Starkes Urleben in reinster Ursprünglichkeit - Zur Dar
stellung des Menschen in den Bildern von Emil Noldes Südseereise“, in: Ingried von Brugger/Manfred Reuther (Hg.): „Emil Nolde“, Ausst.-Kat. Kunstforum Bank Austria, Wien 1994, S. 57.    


2) Emil Nolde, „Welt und Heimat (1913-1918)“, 2. Aufl., Köln 1965, S. 59.                          

3) Ebd. S. 97


4) Ebd. S. 106

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