Molch
Emil Nolde
«Molch»
Aquarell auf Japan ; 1923/24 ; 34 x 47 cm
Signiert
Seit 1910 verbringt Emil Nolde die Wintermonate in der Hauptstadt Deutschlands, wo er bis 1929 ein Atelier in der Tauentzienstraße besitzt.1) Im Winter 1923/24 malt Nolde Aquarelle im Berliner Zoo, dem Aquarium und dem Botanischen Garten.2) „Nolde malte Löwen, Eisbären, Känguruhs und Bisons. Die Chamäleons entstanden im Berliner Aquarium, ebenso Wasserschildkröten, Fische, Eidechsen und schwimmende Frösche.“3) Tiere kommen auch schon in Noldes früheren Arbeiten vor, wie beispielsweise in den in Lildstrand entstandenen Arbeiten seltsamer Tiergestalten, die seiner Phantasie entspringen.4)

In unserem Aquarell kriecht ein leuchtender Molch aus dem dunkelbraunen, unbestimmten Hintergrund auf den Betrachter zu und wendet den Kopf seitlich, so dass er den Betrachter mit seinem wachen Auge direkt anblickt. Diese Unmittelbarkeit wird unterstützt durch die verspürte räumliche Nähe der Amphibie. Wie in einer Nahaufnahme vergrößert, blickt der Betrachter von oben auf die kleine Kreatur. Der im Verhältnis zum Körper mächtige Schwanz wirft einen dunklen, farbigen Schatten auf den Boden. Die Kontur des Schattens deutet Nolde nur durch einen sicher gesetzten violetten Pinselstrich an. Ihm gelingt es bei einer relativ hohen Abstrahierung und Formvereinfachung des Motivs das Charakteristische des Tieres zu erfassen und prägnant zum Ausdruck zu bringen. Dabei ist die Farbe auch in diesem Aquarell entscheidend. Sie ist in mehreren Ebenen lasierend auf das Japanpapier aufgetragen. Durch die Kombination von warmen violetten und kühleren gelben Tönen steigert Nolde den Gesamtausdruck dieser ungewöhnlichen Begegnung.

Neben der Darstellung von Tieren entstehen in der Zeit um 1923/24 ebenfalls Blumenaquarelle. Auch hier zieht Nolde die exotische Orchidee und den Kaktus dem heimischen Mohn oder Rittersporn vor „[…], die Nolde im Botanischen Garten malte. Ihn faszinierte das Exotische, Fremdartige, es weckte die Erinnerung an die Südseereise. Der Gang in den Zoo zu den Tieren ferner Länder war zugleich eine Art Ersatz für die weiten Reisen, von denen er träumte, die schon vorbereitet waren, nach Afrika, ins Himalaya- Gebiet, Island und Grönland, zu den Indianern Amerikas; Krieg und Nachkriegszeit hatten solche Pläne zunichte gemacht.“5)

Während des Zweiten Weltkrieges trifft es den Künstler noch um einiges härter. Die Nationalsozialisten stufen Noldes Werke wie die vieler anderer expressionistischer Künstler als „entartete Kunst“ ein. Nach anfänglichem Ausstellungsverbot erhält er 1941 ein vollständiges Mal- und Verkaufsverbot, als Folge dessen bis 1945 nur noch die von ihm so bezeichneten „Ungemalten Bilder“ entstehen – kleinformatige Aquarelle, die er in Seebüll heimlich malt. Das Atelier- und Wohnhaus in Seebüll bildet seit seiner Erbauung nach Plänen des Künstlers 1927 eine Konstante in Noldes Leben und wird 1957, ein Jahr nach seinem Tod, als Nolde-Museum eröffnet.

Anmerkungen:
1) Vgl. Annette Blattmacher, „Molch“, in: „Emil Nolde – Weltsicht, Farbe, Phantasie“, Ausst.-Kat. Stadthalle Balingen, München 2008, S. 138.
2) Vgl. Manfred Reuther, “Emil Nolde. Biografische Übersicht“, in: Brigitte Reinhardt / Tilman Osterwold (Hg.), „Emil Nolde – Blickkontakte – Frühe Porträts“, Ausst.-Kat. Ulmer Museum, Ostfildern-Ruit 2005, S. 136.
3) Martin Urban: „Nolde – Blumen und Tiere. Aquarelle und Zeichnun- gen“, 3. neubearb. u. erw. Aufl., Köln 1980, S. 38.
4) Ebd., S. 19.
5) Ebd., S. 41.
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