Karl Schmidt-Rottluff, Blumenstillleben, 1961
Karl Schmidt-Rottluff
«Blumenstillleben»
Aquarell ; 1961 ; 50 x 70 cm
Signiert, mit einer Widmung versehen "für Lili und Andor Földes" und "22.4.61" datiert
Andor Földes, ein Pianist und bekannter Bèla Bartok-Interpret, war mit Schmidt-Rottluff befreundet. Diese Freundschaft wird dokumentiert durch einen von Professor Dr. Gunther Thiem publizierten Brief vom 22.9.1963 (s. Beilage zu Gunther Thiem, Karl Schmid-Rottluff „Ungemalte Bilder und Briefe an einen jungen Freund“, Deutscher Kunstverlag, München 2002, S. 168)
Provenienz:
Lili und Andor Földes, Herrliberg/Schweiz
Ausstellung:
"Meisterwerke des Expressionismus", 9. Oktober 2011 - 1. März 2012, Galerie Ludorff, Düsseldorf
Literatur:
Galerie Ludorff, "Neuerwerbungen", Kat. 111, 79, Düsseldorf, 2004
„Kein anderer Künstler, mit Ausnahme von Emil Nolde, hat die Sprache des Expressionismus so konsequent fortentwickelt wie Schmidt-Rottluff.“1)
Gerne folgt man dieser These von Frau Prof. Dr. Magdalena M. Moeller, Direktorin des Brücke Museums in Berlin-Dahlem, betrachtet man nur das ausdrucksstarke Aquarell „Blumenstillleben“, das Karl Schmidt-Rottluff 1961 im Alter von 76 Jahren malt. Der Künstler bleibt sich Zeit seines Lebens treu, indem er stets auf den Spuren einer expressiven Malweise wandelt, die sich durch die Reduktion der Form sowie die Betonung des Eigenwerts der bildbestimmenden reinen Farbe ausdrückt. Er bleibt hierbei immer dem Gegenständlichen, dem Ausgangspunkt seiner Bildmotive, verpflichtet. Durch die Abstrahierung und Reduktion der Form erreicht er eine enorme Ausdruckskraft in seinen Bildern. Er setzt sich von den seit Ende des Zweiten Weltkrieges vorherrschenden Tendenzen informeller und abstrakter Malerei ab und beweist dennoch, „ ... daß er seine Position in der deutschen Nachkriegskunst behaupten kann, daß die Stilmittel des Expressionismus auch einem neuen Zeitgeist standhalten können.“2) Dies impliziert jedoch keinen Stillstand in Schmidt-Rottluffs künstlerischem Ausdruck, sondern vielmehr lotet er verschiedene stilistische Möglichkeiten aus, die zu einem überzeugenden Spätstil reifen.
Auch wenn Schmidt-Rottluffs Arbeiten kein festgelegtes ‚expressionistisches Kunstprogramm‘ zugrunde liegt, kommt er doch 1914 zu folgender, treffender Selbsteinschätzung, die in seinem gesamten Werk Gültigkeit behalten wird: „Aber von mir weiß ich, daß ich kein Programm habe, nur die unerklärliche Sehnsucht, das zu fassen, was ich sehe und fühle, und dafür den reinsten Ausdruck zu finden. Ich weiß nur noch, daß das Dinge sind, denen ich mit den Mitteln der Kunst nahe kommen kann, aber weder gedanklich noch durch das Wort.“3)
Während für seine Künstlerkollegen das Themenspektrum der pulsierenden Großstadt eine große Bedeutung erlangt, bevorzugt Schmidt-Rottluff vor allem die Auseinandersetzung mit den Gattungen ,Landschaft‘ und ,Stillleben‘. So sind es immer wieder die Seherlebnisse und die damit empfundenen Emotionen in der Abgeschiedenheit der Natur, die Schmidt-Rottluff auf das Papier und die Leinwand überträgt. Er fasst die „Natur nicht als Nachahmung, sondern als Übersetzung“ 4) auf. Gerade durch das Spätwerk zieht sich das ,Stillleben‘ wie ein ‚roter Faden‘. In der vorliegenden Arbeit zeigt der Künstler einen großen Strauß schlichter Blumen in einer einfachen blauen Vase oder einem Glasgefäß. Die roten und weißen Blüten sowie das dunkle Grün der Blätter heben sich von dem in einem warmen Orange-Gelb gehaltenen Hintergrund ab. Die Leuchtkraft der Farben wird durch die dunkle Kontur noch gesteigert. Gleichzeitig grenzt die schwarze Umrisslinie die stark abstrahierten Blüten voneinander ab. Typisch für Schmidt-Rottluffs Stillleben sind die großzügig abstrahierten Formen, die einem streng konstruierten Bildaufbau folgen. Charakteristisch ist auch sein Umgang mit Räumlichkeit, die nicht durch Farbschattierungen erzielt wird, sondern einzig aus der Schichtung der einzelnen Bildelemente heraus erfolgt. Die Fokussierung der Blütenköpfe und die eher ungewöhnliche Wahl des Bildausschnittes – sowohl der Blumenstrauß als auch die Vase sind angeschnitten – evozieren das Gefühl, als halte der Maler ein ‚Zwiegespräch‘ mit den dargestellten Pflanzen: Er gibt demnach nicht nur die objektiv erfahrbare Pracht des Gestecks wieder, sondern scheint das Wesen der Blumen gleichzeitig ergründen zu wollen, die einerseits bescheiden und schlicht in ihrer Form und doch gleichzeitig verschwenderisch und sinnlich in ihrer Farbenpracht sind.
Auffallend ist, dass Schmidt-Rottluffs Aquarelle einen sehr großen Einfluss auf die gesamte künstlerische Entwicklung gehabt haben und ihm daher in der Literatur ein großer Stellenwert in seinem Werk eingeräumt wird.

Anm.:
1) Magdalena M. Moeller, „Karl-Schmidt-Rottluff. Werke aus der Sammlung des Brücke-Museums Berlin“, München 1979, S. 40.
2) Ebd. S. 45.
3) Karl Schmidt-Rottluff zit. in: ebd. S. 31.
4) Vgl. ebd. S. 41.
Für weitere Informationen senden Sie bitte eine Email an: mail@ludorff.com