Alexej von Jawlensky, Großes Stilleben: Rosen
Alexej von Jawlensky
«Großes Stilleben: Rosen 'Blau-Lila Harmonie'»
Öl auf leinenstrukturiertem Malpapier, auf Bristolkarton aufgezogen ; 1936 ; 25 x 18 cm
Signiert mit dem Monogramm und "36" datiert
Rückseitig signiert, "1936 VI N. 5" bezeichnet und vom Sohn des Künstlers betitelt und mit den technischen Angaben bezeichnet
Provenienz:
Leonard Hutton Galleries, New York, USA; Sammlung Hannover; Privatsammlung Süddeutschland
Ausstellung:
Städtische Galerie im Lenbachhaus, "Alexej von Jawlensky", München 1959
Fränkische Galerie am Marientor, "Alexej von Jawlensky", Nürnberg 1959
Haus am Waldsee, "Alexej von Jawlensky", Berlin 1958
Städtische Kunstsammlungen, "Alexej von Jawlensky - Adolf Hölzel", Bonn 1958
Galerie Aenne Abels, "Alexej von Jawlensky, Köln 1958
Galerie im Erker, "Alexej von Jawlensky", Sankt Gallen 1958
Literatur:
Maria Jawlensky/Lucia Pieroni-Jawlensky/Angelica Jawlensky, "Alexej von Jawlensky catalogue raisonné of the oil paintings vol. 3 1934-1937", München 1993
Fränkische Galerie am Marientor, "Alexej von Jawlensky", Ausst.-Kat., Nürnberg 1959
Städtische Galerie im Lenbachhaus, "Alexej von Jawlensky", Ausst.-Kat., München 1959
Haus am Waldsee, "Alexej von Jawlensky", Ausst.-Kat., Berlin 1958
Städtische Kunstsammlungen, "Alexej von Jawlensky - Adolf Hölzel", Ausst.-Kat., Bonn 1958
Galerie Aenne Abels, "Alexej von Jawlensky", Ausst.-Kat., Köln 1958
Der in Torschok geborene Künstler Alexej von Jawlensky kehrt 1896 seiner russischen Heimat den Rücken und lässt sich in Süddeutschland nieder, wo er alsbald Wassily Kandinsky, Marianne von Werefkin und Gabriele Münter kennenlernt. Während gemeinsamer Aufenthalte im bayerischen Murnau gelangt Jawlensky zu einem entscheidenden Durchbruch in seiner Kunst und entwickelt seinen expressiven, farbintensiven Stil. Hier beginnt Jawlensky sich, zugunsten einer tief in die Materie vordringenden Auseinandersetzung, auf wenige Bildgattungen zu konzentrieren. Immer wieder greift er auf Motive wie das menschliche Antlitz oder die Landschaft zurück, variiert in Nuancen, um deren formale Aspekte und Farbzusammenhänge bis auf die Grundelemente auszuloten.
Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges unterbricht jäh die künstlerischen Bande und zwingt Jawlensky zu einem Leben im Exil in der Schweiz. Von 1917 bis 1920 setzt er sich dort in seinen berühmten ‚Variationen‘ nahezu ausschließlich mit dem Ausblick aus seinem Fenster auseinander. Durch eine immer stärkere Abstraktion konzentriert Jawlensky sich bald ausschließlich auf Farbe, Form und Fläche. Hierbei legt er sich das nötige Rüstzeug für seine späteren‚ Abstrakten Köpfe‘ und ‚Meditationen‘ zu. 1921 kehrt Jawlensky nach Deutschland zurück und findet in Wiesbaden eine neue Heimat. Hier entsteht ein umfangreiches Spätwerk, das durch eine schwere Arthritis-Erkrankung geprägt wird. Die Schmerzen, die ihn aufs Krankenlager zwingen, schränken ihn stark in seiner Bewegungsfreiheit ein. „Ich bin abseits von allem, mein Leben ist so begrenzt von meinem Zimmer, meiner Arbeit und meinen Gedanken, ich habe keine andere Freude außer meiner Arbeit.“1) Neben den spirituellen „Meditationen“, die im Zentrum jener späten Schaffensjahre stehen, widmet sich Jawlensky seit Mitte der Dreißiger Jahre einer Reihe von kleinformatigen Stillleben mit Blumenmotiven. Auf den kleinen, hochrechteckigen Malgründen sind dabei immer zwei Blumenvasen auf einem Fensterbrett dargestellt, wobei er je nach Gemütszustand zu dunklen oder leuchtenden Farben greift. Nachdem sich Jawlensky zwei Jahrzehnte fast ausschließlich dem Menschenbild gewidmet hat, findet er nun zum Naturmotiv und Stillleben zurück. In Format, malerischem Stil und in ihrer kräftigen Farbigkeit stehen diese Stillleben gleichrangig neben den „Meditationen“ seines Spätwerks.
Das Gemälde „Großes Stillleben: Rosen Blau-Lila Harmonie“ ist ein herausragendes Werk aus Jawlenskys spätem Œuvre. Freier malend bäumt er sich hier auf einem für die Serie der Blumenstillleben verhältnismäßig großen Karton gegen die körperlichen Beschwerden auf. Das kontrastreiche Kolorit ist Ausdruck von unbändigem Schaffensdrang: Am linken Bildrand leuchtet die Vase in einem strahlenden Kobaltblau. Ihre schlanke, emporstrebende Form erstreckt sich über die gesamte Höhe des Formats. Das Gefäß, nur angeschnitten dargestellt, ist ein häufig wiederkehrender Bildgegenstand innerhalb dieser Stillleben-Reihe und markiert eine Konstante gegenüber den wechselnden Blumenarrangements. Ein wenig nach hinten gerückt ist die Vase mit dem Strauß Rosen platziert. In voller Pracht stehen die Blütenköpfe, die in kräftigen Rot-, Violett- und leuchtenden Gelbtönen strahlen. Von blau und grün schimmerndem Blattwerk kontrastierend umrankt versprühen sie Lebensfreude. Die Rundform der Blüten steht im Wechselspiel zu den gestreckten Formen der beiden Vasen und dem flächig gehaltenen Hintergrund, der im Unbestimmten belassen ist und nur durch den vertikal gesetzten Pinselstrich strukturiert wird.
Wenngleich sich Jawlensky am Naturvorbild orientiert, so reduziert er doch das Gesehene auf wenige, bezeichnende Grundformen und steigert die Farben bis zur höchsten Leuchtkraft. „Ich habe doch keine Flügel zum Fliegen. Vielleicht nur in meiner Kunst. Dann aber immer nach oben, so hoch wie ich nur kann. Ich suche dort Licht und Ruhe.“2)

Anm.: 1) A lexej von Jawlensky in einem Brief an Emmy (Galka) Scheyer, Wiesbaden, 14. Mai
1936, zit. in: Museum Wiesbaden, „Alexej Jawlensky zum 50. Todesjahr – Gemälde
und graphische Arbeiten“, Ausst.-Kat., Wiesbaden 1991, S. 294.
2) Alexej von Jawlensky zit. in: „Alexej von Jawlensky und sein Kreis“, Ausst.-Kat., Essen
1991, S. 52.
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