Meisterwerke des Expressionismus
09. Oktober 2011 bis 04. Februar 2012
Alexej von Jawlensky
«Heilandsgesicht: Nemesis II»
Öl auf leinenstrukturiertem Malpapier, auf Bristolkarton aufgezogen ; 1919 ; 36 x 27 cm
Signiert mit dem Monogramm
Auf der Rückseite signiert, betitelt und beschriftet: „A. v. Jawlensky 1919, Nr. 18, Nemesis II“, von Galka Scheyer
Expertise: Maria Jawlensky, Alexej von Jawlensky Archiv SA, Locarno
Provenienz:
Atelier des Künstlers; Kunstmuseum der Stadt Essen; Privatsammlung
Atelier des Künstlers; Kunstmuseum der Stadt Essen; Privatsammlung
Ausstellung:
Museo Thyssen-Bornemisza/Fundación Caja de Madrid, "Analogías Musicales. Kandinsky y sus Contemporánes", Madrid 2003; Kunsthaus Zürich/Fondation de l`Hermitage, Lausanne/Stiftung Wilhelm Lehmbruck Museum, Duisburg, "Jawlensky in der Schweiz 1914 – 1921: Begegnungen mit Arp, Hodler, Janco, Klee, Lehmbruck, Richter, Taeuber-Arp", 2000/2001
Museo Thyssen-Bornemisza/Fundación Caja de Madrid, "Analogías Musicales. Kandinsky y sus Contemporánes", Madrid 2003; Kunsthaus Zürich/Fondation de l`Hermitage, Lausanne/Stiftung Wilhelm Lehmbruck Museum, Duisburg, "Jawlensky in der Schweiz 1914 – 1921: Begegnungen mit Arp, Hodler, Janco, Klee, Lehmbruck, Richter, Taeuber-Arp", 2000/2001
Literatur:
Werkverzeichnis Jawlensky/Pieroni Bd. II, Nr. 1075, mit ganzseitiger, farb. Abb. S. 287; Fundación Colección Thyssen-Bornemisza (Hg.), "Analogías Musicales. Kandinsky y sus Contemporánes", Madrid 2003; Angelika Affentranger-Kirchrath, "Jawlensky in der Schweiz 1914 – 1921: Begegnungen mit Arp, Hodler, Janco, Klee, Lehmbruck, Richter, Taeuber-Arp", Bern 2000
Werkverzeichnis Jawlensky/Pieroni Bd. II, Nr. 1075, mit ganzseitiger, farb. Abb. S. 287; Fundación Colección Thyssen-Bornemisza (Hg.), "Analogías Musicales. Kandinsky y sus Contemporánes", Madrid 2003; Angelika Affentranger-Kirchrath, "Jawlensky in der Schweiz 1914 – 1921: Begegnungen mit Arp, Hodler, Janco, Klee, Lehmbruck, Richter, Taeuber-Arp", Bern 2000
Mit besonderem Interesse widmet sich Alexej von Jawlensky bereits
seit 1905 dem menschlichen Portrait.
Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs emigriert Jawlensky 1914
in die Schweiz, wo er sich in St. Prex am Genfer See niederlässt.
Rückblickend betrachtet kommt es aber nicht nur persönlich sondern
auch künstlerisch zu einer entscheidenden Zäsur. Mit der Serie
der „Variationen über ein landschaftliches Thema“ setzt eine immer
stringentere, serielle Arbeitsweise des Künstlers ein, die für sein weiteres
Werk eine erhebliche Bedeutung entfalten wird.
In den „Variationen“ verwendet der Künstler von 1914 bis 1917 nahezu
ausschließlich immer gleich große Malkartons, auf denen er
den Ausblick aus dem Fenster seiner kleinen Stube auf die umgebende
Landschaft in nahezu identischer Anordnung wiederkehrend
festhält. Indem Jawlensky den eigentlichen Bildgegenstand und die
Komposition strikt als gegeben hinnimmt, entsteht Raum für das
Nachdenken über die Art und Weise der Darstellung. Im Laufe der
Zeit werden die Formen zunehmend aufgebrochen, der Bildraum
wird flacher, die Farbwahl löst sich vom Gegenstand. Die neuen Erkenntnisse
über Abstraktion und Farbe fließen schließlich auch in
die Bildnisse ein, die Jawlensky von 1917 bis zu seinem Tod im Jahr
1941 festhält.1)
Während einzelne Bildnisse in der Übergangszeit zwischen 1917
und 1919 noch individuellen Portraitcharakter besitzen und oft auch
nach den dargestellten Personen benannt werden, kommt es 1918 zur
Vollendung seines ersten konstruktiven Kopfes, der so genannten
„Urform“. Sie bildet den Ausgangspunkt für die weitere serielle Auseinandersetzung
mit einem überindividuellen, stilisierten Bildnis.
Das menschliche Antlitz wird in den nun folgenden, so genannten
„Abstrakten Köpfen“ in seine physiognomischen Grundbausteine
wie Senkrechten, Diagonalen, Rechtecke und Kreise zerlegt.
Diese analytisch-grafische Zerlegung des Gesichtes ist in unserem
Werk „Heilandsgesicht: Nemesis II“ von 1919 bereits deutlich erkennbar:
Die Nase ist durch eine senkrechte lange und eine kürzere
waagerechte Linie, der Mund durch zwei breitere violette und gelbe
Streifen angedeutet. Den Kopf bildet eine Parabel, die oberhalb von
Haaren – durch Halbkreise assoziiert – gesäumt wird. Die weit geöffneten,
schwarz umrandeten Augen und der Mund verleihen dem Antlitz
etwas Starres und lassen kaum Emotionen der dargestellten Person
erkennen. Lediglich die gehobene Augenbraue des rechten Auges
deutet im Kontrast zu der geraden Linie links leise eine menschliche
Regung an. Die „Stilisierung bedeutete bei den Köpfen Steigerung
der persönlichen Merkmale ins Überindividuelle, wodurch er [Jawlensky,
Anm. des Autors] Grundformen des menschlichen Antlitzes
aufdeckte, Grundformen, die in allen individuellen Physiognomien
gleichermaßen gegeben waren“.2)
Der Titel des vorliegenden Gemäldes deutet aber auf eine weitere und
wahrscheinlich noch bedeutendere Ebene der Auseinandersetzung in
Jawlenskys „Abstrakten Köpfen“ hin, die über die reine Analyse der
technischen Möglichkeiten von Abstraktion und Farbe hinausgeht.
So weist der Titel auf den religiösen Ursprung der Portraitmalerei hin
und bringt das große Interesse Jawlenskys für die Geschichte der sakralen
Portraitmalerei zum Ausdruck. Bereits als Kind muss Jawlensky
mit der russischen Ikonenmalerei konfrontiert worden sein und es ist
kein Zufall dass die „Abstrakten Köpfe“ in Format und Komposition
an russische Ikonen erinnern und dass die späteren „Meditationen“
sich immer stärker an das Zeichen des Kreuzes annähern.
Diese sakrale Bedeutungsebene erklärt er selbst wie folgt: „Einige
Jahre malte ich diese Variationen, und dann war mir notwendig, eine
Form für das Gesicht zu finden, da ich verstanden hatte, daß die
große Kunst nur mit religiösem Gefühl gemalt werden soll. Und das
konnte ich nur in das menschliche Antlitz bringen. Ich verstand, daß
der Künstler mit seiner Kunst durch Formen und Farben sagen muss,
was in ihm Göttliches ist. Darum ist das Kunstwerk ein sichtbarer
Gott, und die Kunst ist ,Sehnsucht zu Gott‘.“3)
Anm.: 1) In dieser so genannten zweiten Periode entstehen die Werkgruppen der „Heilandsgesichte“,
der „Abstrakten Köpfe“ und „Mediationen“.
2) Ewald Rathke, „Alexej Jawlensky“, Hanau 1968, S. 18.
3) Clemens Weiler, „Alexej Jawlensky“, Köln 1959, S. 102f
seit 1905 dem menschlichen Portrait.
Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs emigriert Jawlensky 1914
in die Schweiz, wo er sich in St. Prex am Genfer See niederlässt.
Rückblickend betrachtet kommt es aber nicht nur persönlich sondern
auch künstlerisch zu einer entscheidenden Zäsur. Mit der Serie
der „Variationen über ein landschaftliches Thema“ setzt eine immer
stringentere, serielle Arbeitsweise des Künstlers ein, die für sein weiteres
Werk eine erhebliche Bedeutung entfalten wird.
In den „Variationen“ verwendet der Künstler von 1914 bis 1917 nahezu
ausschließlich immer gleich große Malkartons, auf denen er
den Ausblick aus dem Fenster seiner kleinen Stube auf die umgebende
Landschaft in nahezu identischer Anordnung wiederkehrend
festhält. Indem Jawlensky den eigentlichen Bildgegenstand und die
Komposition strikt als gegeben hinnimmt, entsteht Raum für das
Nachdenken über die Art und Weise der Darstellung. Im Laufe der
Zeit werden die Formen zunehmend aufgebrochen, der Bildraum
wird flacher, die Farbwahl löst sich vom Gegenstand. Die neuen Erkenntnisse
über Abstraktion und Farbe fließen schließlich auch in
die Bildnisse ein, die Jawlensky von 1917 bis zu seinem Tod im Jahr
1941 festhält.1)
Während einzelne Bildnisse in der Übergangszeit zwischen 1917
und 1919 noch individuellen Portraitcharakter besitzen und oft auch
nach den dargestellten Personen benannt werden, kommt es 1918 zur
Vollendung seines ersten konstruktiven Kopfes, der so genannten
„Urform“. Sie bildet den Ausgangspunkt für die weitere serielle Auseinandersetzung
mit einem überindividuellen, stilisierten Bildnis.
Das menschliche Antlitz wird in den nun folgenden, so genannten
„Abstrakten Köpfen“ in seine physiognomischen Grundbausteine
wie Senkrechten, Diagonalen, Rechtecke und Kreise zerlegt.
Diese analytisch-grafische Zerlegung des Gesichtes ist in unserem
Werk „Heilandsgesicht: Nemesis II“ von 1919 bereits deutlich erkennbar:
Die Nase ist durch eine senkrechte lange und eine kürzere
waagerechte Linie, der Mund durch zwei breitere violette und gelbe
Streifen angedeutet. Den Kopf bildet eine Parabel, die oberhalb von
Haaren – durch Halbkreise assoziiert – gesäumt wird. Die weit geöffneten,
schwarz umrandeten Augen und der Mund verleihen dem Antlitz
etwas Starres und lassen kaum Emotionen der dargestellten Person
erkennen. Lediglich die gehobene Augenbraue des rechten Auges
deutet im Kontrast zu der geraden Linie links leise eine menschliche
Regung an. Die „Stilisierung bedeutete bei den Köpfen Steigerung
der persönlichen Merkmale ins Überindividuelle, wodurch er [Jawlensky,
Anm. des Autors] Grundformen des menschlichen Antlitzes
aufdeckte, Grundformen, die in allen individuellen Physiognomien
gleichermaßen gegeben waren“.2)
Der Titel des vorliegenden Gemäldes deutet aber auf eine weitere und
wahrscheinlich noch bedeutendere Ebene der Auseinandersetzung in
Jawlenskys „Abstrakten Köpfen“ hin, die über die reine Analyse der
technischen Möglichkeiten von Abstraktion und Farbe hinausgeht.
So weist der Titel auf den religiösen Ursprung der Portraitmalerei hin
und bringt das große Interesse Jawlenskys für die Geschichte der sakralen
Portraitmalerei zum Ausdruck. Bereits als Kind muss Jawlensky
mit der russischen Ikonenmalerei konfrontiert worden sein und es ist
kein Zufall dass die „Abstrakten Köpfe“ in Format und Komposition
an russische Ikonen erinnern und dass die späteren „Meditationen“
sich immer stärker an das Zeichen des Kreuzes annähern.
Diese sakrale Bedeutungsebene erklärt er selbst wie folgt: „Einige
Jahre malte ich diese Variationen, und dann war mir notwendig, eine
Form für das Gesicht zu finden, da ich verstanden hatte, daß die
große Kunst nur mit religiösem Gefühl gemalt werden soll. Und das
konnte ich nur in das menschliche Antlitz bringen. Ich verstand, daß
der Künstler mit seiner Kunst durch Formen und Farben sagen muss,
was in ihm Göttliches ist. Darum ist das Kunstwerk ein sichtbarer
Gott, und die Kunst ist ,Sehnsucht zu Gott‘.“3)
Anm.: 1) In dieser so genannten zweiten Periode entstehen die Werkgruppen der „Heilandsgesichte“,
der „Abstrakten Köpfe“ und „Mediationen“.
2) Ewald Rathke, „Alexej Jawlensky“, Hanau 1968, S. 18.
3) Clemens Weiler, „Alexej Jawlensky“, Köln 1959, S. 102f
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